1980 — 1989

Hanno Edelmann im Hamburger Atelier in den 80er Jahren

Han­no Edel­mann im Ham­bur­ger Ate­lier in den 80er Jahren

endlose zeit - gemälde in mischtechnik von hanno edelmann 1980

End­lo­se Zeit  1980  Gemäl­de in Misch­tech­nik auf Lein­wand 92/90 cm

daniel - gemälde in mischtechnik von hanno edelmann 1980

Dani­el  1980  Gemäl­de in Misch­tech­nik auf Lein­wand  92/122 cm

solidarnosc - Gemälde von hanno edelmann 1982

Soli­dar­nosc  1982  Gemäl­de in Misch­tech­nik auf Lein­wand 70/90 cm

blauer salon - oelbild von hanno edelmann 1989

Blau­er Salon  1989  Oel/Leinwand  65/89 cm

das auge - oelbild von hanno edelmann 1989

Das Auge  1989  Oel/Leinwand  90/65 cm

Selbst mit wiener Künstlern Tempera auf Leinwand 1984

Selbst mit Wie­ner Künst­lern  1984  Tempera/Leinwand  138/120 cm

Zu den im letz­ten Jahr ent­stan­de­nen groß­for­ma­ti­gen Gemäl­den von Han­no Edel­mann gehört ein Ölbild mit dem Titel “Selbst mit Wie­ner Künst­lern”, das den Maler in einer ima­gi­nä­ren Run­de mit vier berühm­ten Kol­le­gen in sur­rea­ler Sym­bo­lik dar­stellt. Ernst Fuchs hält eine Breker-Figur ein­fühl­sam in der Hand, Alfred Hrdlicka ist in einer sei­ner block­haf­ten Skulp­tu­ren von unheim­li­cher Expres­si­vi­tät ver­schränkt, der sanf­te Arik Brau­er prä­sen­tiert in Salo­me-Ges­tus einen Tel­ler mit dem Kopf von Joseph Beuys, und Frie­dens­reich Hun­dert­was­ser geigt lie­be­voll mit einem Vio­lin­bo­gen, ohne dass ein Instru­ment sicht­bar ist, wobei lich­tes Grün aus sei­nem geheim­nis­vol­len Tun hervorsprießt…

Die anspie­lungs­rei­che Selbst­dar­stel­lung spie­gelt Edel­manns geis­tes­ver­wand­te Sym­pa­thie für sol­che Künst­ler, die unbe­irr­bar ihren eige­nen Weg gehen, ihr Werk unab­hän­gig von den herr­schen­den Trends ent­fal­ten und sich nicht in eine bestimm­te Rich­tung ein­ord­nen las­sen. Künst­ler, die sich nicht allein auf for­ma­le Pro­ble­me der Far­be und Kom­po­si­ti­on beschrän­ken, son­dern in ihren tie­flo­ten­den Wer­ken eine in die Berei­che des Huma­nen und Kos­mi­schen hin­aus­wei­sen­de Bot­schaft an ihre Mit­men­schen zu ver­mit­teln ver­su­chen„ Eine Bot­schaft jedoch, die nicht als welt­an­schau­li­ches Ali­bi für schlech­te Male­rei dient — wie das heu­te so häu­fig der Fall ist , son­dern sich ganz und gar in bild­ne­ri­schen For­men von star­ker Ein­dring­lich­keit und Aus­sa­ge­kraft manifestiert.

Bei aller Ver­schie­den­heit von den genann­ten Wie­nern, die er meis­tens gar nicht per­sön­lich kennt, gehört auch der Ham­bur­ger Han­no Edel­mann zu den immer sel­te­ne­ren Künst­lern, die ihren Weg unbe­irrt durch ver­meint­lich aktu­el­le Strö­mun­gen ver­fol­gen, allein ihrem bild­ne­ri­schen Impuls und inne­ren Auf­trag ver­pflich­tet. Als vor 25 Jah­ren aller­orts Tachis­mus und Psy­cho­gra­fie, action pain­ting und art infor­mel die maß­geb­li­che Kunst­sze­ne beherrsch­ten, ließ sich Edel­mann nicht von sei­ner betont figu­ra­ti­ven Gestal­tung ablen­ken, die das “Dra­ma Mensch” zum The­ma hat­te, den Men­schen und sei­ne Umwelt den Men­schen und sein Fatum, den Men­schen und die ihm imma­nen­ten Abgrün­de in Bil­dern und Zeich­nun­gen viel­schich­tig veranschaulichte.

Wie ich schon in mei­nen bei­den frü­he­ren Anspra­chen zu Edel­mann-Aus­stel­lun­gen in Bie­le­feld 1961 und in Ham­burg 1972 sowie auch in mei­nen Kri­ti­ken in der WELT seit 1955 beton­te, blie­ben den­noch stets die für den Künst­ler ent­schei­den­den Pro­ble­me der for­ma­len Rea­li­sie­rung sei­ner Bild­ge­dan­ken nie­mals außer Acht. Im Gegen­teil: in Edel­manns durch die The­men Mensch und Land­schaft gepräg­ten Wer­ken sind Aus­druck und Aus­ge­wo­gen­heit, Expres­si­on und Pein­ture eine ganz per­sön­li­che Sym­bio­se ein­ge­gan­gen, in denen sich male­ri­sche und gra­fi­sche Ele­men­te sei­ner Stu­di­en­zeit bei Wil­lem Grimm mit den eige­nen, in der Kunst, im Leben und im medi­ter­ra­nen Raum gewon­ne­nen Erfah­run­gen paa­ren. Bevor ich zu den hier aus­ge­stell­ten Arbei­ten spre­che, die Edel­manns Schaf­fen zum ers­ten Mal seit drei­zehn Jah­ren in sei­ner Vater­stadt zei­gen, noch ein paar Wor­te zu dem Wer­de­gang und Ent­wick­lungs­weg des Künst­lers. Han­no Edel­mann stammt aus einer Fami­lie, in der es eine Reiht bekann­ter Musi­ker gab. Schon im Alter von sechs Jah­ren erhielt er den ers­ten Vio­lin-Unter­richt, fast gleich­zei­tig begann er mit Begeis­te­rung zu zeich­nen und zu modellieren.

Wie Paul Klee schwank­te er lan­ge Zeit zwi­schen Musik und Male­rei, ehe er sich — nach eige­nen Anga­ben bereits mit elf Jah­ren — für den Maler­be­ruf ent­schied, nicht ohne häus­li­che Wider­stän­de zu über­win­den. Zu einem ent­schei­den­den Ereig­nis für sei­ne Auf­fas­sun­gen vom Leben in unse­rer Welt wur­de für ihn der Zwei­te Welt­krieg, den er als Sol­dat von 1941 bis 1944-in Frank­reich und Ruß­land mit­mach­te und anschlie­ßend von 1944- bis 1948 als Kriegs­ge­fan­ge­ner in Sibi­ri­en auf bit­te­re Wei­se erleb­te. In Ruß­land ent­ging Edel­mann dem Tode durch Erschie­ßen nur um Haa­res­brei­te. In den har­ten Jah­ren der Gefan­gen­schaft begann er unter schwie­rigs­ten Umstän­den wie­der bild­ne­risch zu arbei­ten. Damals begann ein Weg, wie er mir in einer Skiz­ze sei­nes Lebens ein­mal schrieb, der teils grau­sam war in der Erkennt­nis der eige­nen Ohn­mäch­tig­keit, teils außer­or­dent­lich glück­lich in der Bewußt­wer­dung star­ker geis­ti­ger Kräf­te. Auch viel spä­ter, als er nach sei­ner Rück­kehr aus rus­si­scher Gefan­gen­schaft von 1948 bis 1952 an der Ham­bur­ger Kunst­hoch­schu­le am Ler­chen­feld bei Wil­lem Grimm stu­dier­te, waren sei­ne Stu­di­en­jah­re noch lan­ge Zeit über­schat­tet von den furcht­ba­ren Kriegs­er­leb­nis­sen. Im gefahr­lo­sen Leben in der Hei­mat fand sich der Künst­ler zunächst kaum zurecht. Erst ganz all­mäh­lich gelang­te er zu inne­rer Aus­ge­wo­gen­heit und eige­ner For­men­spra­che. Nicht zuletzt wur­de die Begeg­nung mit sei­ner Frau Eri­ka, die selbst Male­rei stu­diert hat­te, dabei zu einem wesent­li­chen Fak­tor. Bei­de bil­den bis heu­te — mehr als drei­ßig Jah­re lang — auch in künst­le­ri­scher Hin­sicht ein glück­li­ches Team… Was sei­ne Male­rei und Gra­fik anbe­trifft, so wur­zelt Han­no Edel­mann auf der einen Sei­te in den kan­ti­gen For­men des holz­schnitt­haf­ten deut­schen Expres­sio­nis­mus, auf der ande­ren Sei­te in einer höchst dif­fe­ren­zier­ten Pein­ture, die ihm einst durch Wil­lem Grimm ver­mit­telt wur­de und die er dann eigen­stän­dig wei­ter­ent­wi­ckel­te. Sei­ne Dar­stel­lungs­wei­se umspannt einen wei­ten Spiel­raum von ent­lar­ven­den zeit­kri­ti­schen Sze­nen bis zu male­ri­schen Schil­de­run­gen einer aus­ge­wo­ge­nen Welt der Span­nung und Har­mo­nie, der er auf vie­len Rei­sen zunächst in Grie­chen­land und spä­ter in Ita­li­en begeg­ne­te und die ihm beson­ders auf Kre­ta und in Vene­dig wesent­li­che Anre­gun­gen gab. Doch nicht nur the­ma­tisch ist Edel­manns Schaf­fen weit­ge­spannt. Auch in tech­ni­scher Hin­sicht auf­aßt es ganz ver­schie­de­ne Bild­gat­tun­gen: Gemäl­de, Aqua­rel­le, Radie­run­gen, Holz­schnit­te, Farbli­thos und schließ­lieh auch Plas­ti­ken in Gips und Bronze.

Den Schwer­punkt der hier aus­ge­stell­ten Wer­ke bil­den die groß­for­ma­ti­gen Gemäl­de aus den letz­ten Jah­ren, in denen Edel­mann einen neu­en Höhe­punkt sei­nes bis­he­ri­gen Schaf­fens erreicht. Sie sind von viel­schich­ti­gen iko­no­gra­fi­schen Bild­ge­dan­ken vol­ler Hin­ter­grün­dig­keit und Sym­bo­lik erfüllt. Jedes die­ser Bil­der hat eine lan­ge Ent­ste­hungs- und Ent­wick­lungs­ge­schich­te, die sich dem Betrach­ter nur in gedul­di­gem Ein­füh­lungs­ver­mö­gen zu erschlie­ßen ver­mag. Doch auch schon auf den ers­ten Blick bie­ten sie ihm man­cher­lei fes­seln­de Aspek­te, die aus der imma­nen­ten Magie der Figu­ren und Din­ge und ihrer male­risch nuan­cier­ten Kom­po­si­ti­on resultiert.

Neben zeit­kri­ti­schen Wer­ken wie zum Bei­spiel “Gesell­schafts­spie­le” oder “II Papa” fin­den sich rein male­ri­sche Hul­di­gun­gen an die Schön­heit und Har­mo­nie wie der “Traum von Vene­dig” oder “Les Demoi­sel­les”, zwei jun­ge Frau­en auf dem Sofa mit einem Flair von Modiglia­ni. Eine in “letz­ter Zeit ent­wi­ckel­te neue Gat­tung im Schaf­fen von Edel­mann bil­den sei­ne Künst­ler­bild­nis­se, in denen er nicht nur die Betref­fen­den selbst dar­stellt, son­dern auch sei­ne eige­nen Emp­fin­dun­gen zu deren Werk und Per­sön­lich­keit. Das Gemäl­de mit dem Titel “Die Welt des Pro­fes­sors G.” zeigt den heu­te acht­zig­jäh­ri­gen Leh­rer Wil­lem Grimm mit den bezeich­nen­den Attri­bu­ten eines jun­gen Modells, eines eng­li­schen Por­zel­lan­hun­des und einer Rum­mel­pott­sze­ne. Auch Paul Wun­der­lich und Peter Bla­ke hat Edel­mann tref­fend und anspie­lungs­reich geschil­dert, denen einen in sei­ner pophaf­ten Pin-up- und But­ton­welt, den ande­re mit den Attri­bu­ten Mäd­chen­akt, Rose, Bull­ter­ri­er, Foto­lin­se, und Zet­tel­kas­ten mit den Quel­len sei­nes spe­zi­fi­schen Manie­ris­mus. Die eige­ne Lebens­welt von Edel­mann fin­det in die­ser Aus­wahl — neben dem bereits genann­ten Selbst­bild­nis mit Wie­ner Künst­lern — in Gemäl­den wie “Ganz in Blau” oder “Gro­ßes Ate­lier­bild” ihren viel­schich­ti­gen Aus­druck, auf denen sei­ne Frau, sein Hund, “Zet­tels Traum” von Arno Schmidt — eine Lieb­lings­lek­tü­re des Ehe­paa­res — sowie ein Vene­dig­bild auf der Staf­fe­lei und ein Pier­rot hin­ter dem Vor­hang auf­tau­chen. Obwohl Edel­manns Bil­der auch man­cher­lei lite­ra­ri­sche Anspie­lun­gen ent­hal­ten, sind sie nie­mals lite­ra­risch im enge­ren Sin­ne. Stets geht es dem Künst­ler in ers­ter Linie um die bild­ne­ri­sche Rea­li­sie­rung sei­ner Bild­ge­dan­ken, der sich die jewei­li­gen Anläs­se unter­zu­ord­nen haben.

Obwohl Edel­mann Vor­wie­gend ein Figu­ren­ma­ler ist, der sich am stärks­ten im Ölbild und in der Gra­fik mani­fes­tiert, hat er auch ganz ver­schie­den­ar­ti­ge Land­schaf­ten und Stil­le­ben geschaf­fen, die in die­ser Aus­stel­lung beson­ders im Medi­um des Aqua­rells ver­tre­ten sind. In sei­ner Druck­gra­fik ver­eint der Künst­ler Alt­meis­ter­li­ches mit Expres­si­vem, Moti­ve aus dem Alten Tes­ta­ment mit sur­rea­len Visio­nen oder Impres­sio­nen aus Vene­dig. “Wie Sie sich viel­leicht erin­nern, stan­den wir frü­her stark unter dem Ein­druck unse­res Grie­chen­land-Erleb­nis­ses”, schrieb mir Edel­mann am 16.April die­ses Jah­res in sei­ner gro­ßen kal­li­gra­fi­schen Hand­schrift auf Zei­chen­bö­gen. “Seit 1979 erleb­ten wir nun aber Ita­li­en. Wir sind weit umher­ge­kom­men in die­sem Land, vor dem wir uns frü­hen scheu­ten. Beson­ders Vene­dig, die ers­te ita­lie­ni­sche Stadt, die wir ken­nen­lern­ten, wur­de für uns sehr wich­tig. Am Ende unse­rer letz­ten Rei­se nach Grie­chen­land waren wir total ent­täuscht von der Ver­än­de­rung, die der Tou­ris­mus dort bewirkt hat­te, kauf­ten uns kurz ent­schlos­sen ein ita­lie­ni­sches Sprach­buch und lern­ten auf die­se Wei­se die ers­ten Sät­ze, um uns wenigs­tens ver­ständ­lich machen zu kön­nen. Und dann kam Vene­dig: eine Offen­ba­rung. Was wir in Grie­chen­land nir­gends erleb­ten, über­ström­te uns nun. Hier gal­ten Kunst und Künst­ler etwas. Bis Paler­mo wur­de uns immer wie­der Inter­es­se und Freund­schaft ent­ge­gen­ge­tra­gen. Es konn­te nicht aus­blei­ben, daß sich unter die­sem neu­en star­ken Ein­druck auch die Arbei­ten ver­än­der­ten. Die vor­her schwe­ren Far­ben und For­men wichen einer hel­le­ren Palet­te und mensch­li­che­ren Figu­ren. Plas­ti­ken ent­ste­hen, wenn eine Idee nicht so gut durch Male­rei rea­li­siert wer­den kann, aber bei­de For­men kön­nen gegen­sei­ti­ge Anre­gung bedeuten…”

Im Jah­re 1983 hat Edel­mann vor­wie­gend Plas­ti­ken geschaf­fen. Auch in sei­nen Plas­ti­ken, die mit male­ri­schem Emp­fin­den model­liert sind, kommt sei­ne moti­vi­sche Viel­schich­tig­keit und Hin­ter­grün­dig­keit zum Aus­druck. Auch in ihnen fin­den sich meta­mor­pho­sen­rei­che Anspie­lun­gen aus den Berei­chen des Mythos, der Legen­de, der Dich­tung und der Kunst­ge­schich­te. “Adam und Eva”, “Phi­le­mon und Bau­cis”, der “Gestürz­te Ika­rus”, “Fran­cis­cus und der Aus­sät­zi­ge”, “Der gro­ße Man­tel” — eine zeit­ge­nös­si­sche Vari­an­te der Schutz­man­telm­a­don­na -, aber auch drei­di­men­sio­na­le Bild­nis­se von Rodin und Camil­le Clau­del, von Beuys, Wun­der­lich und Horst Jans­sen bil­den dafür fes­seln­de Bei­spie­le, auf die ich abschlie­ßend hin­wei­sen möchte.

Vor zwei Jah­ren schrieb Han­no Edel­mann anläss­lich einer gro­ßen Aus­stel­lung sei­nes Schaf­fens in Düs­sel­dorf — in Ham­burg waren sei­ne Arbei­ten seit 1972 nicht mehr öffent­lich zu sehen; die fol­gen­den Wor­te, die für ihn, sein Wesen und sein Werk bezeich­nend sind und mit denen ich mei­ne Ein­füh­rung been­den will:

“Frü­he Träu­me erfül­len sich, das Alter redu­ziert Erwar­tun­gen, ver­tieft die Selbst­kri­tik. Ein­sam­keit mit dem gelieb­ten Men­schen ist wich­ti­ger als öffent­li­cher Ruhm. Freun­de erset­zen ein Volk, das Kunst nicht braucht, sie nicht schätzt, als über­flüs­sig emp­fin­det. Beschei­den­heit ist Reich­tum. Die Kunst ist absolut.”

Prof.Dr.Hans Theo­dor Flem­ming, 8.Mai 1985

carnevale di venezia Triptychon von hanno edelmann

Car­ne­va­le di Vene­zia  1985  Tempera/Leinwand  155/460 cm

Der Künst­ler hat das Wort

.Die,Welt als Büh­ne, Thea­ter, das schein­bar der Unter­hal­tung dient. Die Büh­ne, die aber in Wahr­heit die gan­ze Welt zeigt. Eine Welt, die nicht erfreu­lich ist. Mas­ken und Men­schen in Ver­klei­dung locken die fröh­li­che Gesell­schaft in eine Welt des Scheins. Eine Gro­tes­ke mit dem Blick auf das Grau­en. Commedia del­l’ar­te als Aus­sa­ge­mit­tel und der Har­le­kin als Mah­ner. Über allem der Zau­ber vene­zia­ni­scher Steg­reif­ko­mö­di­en. Nicht Schau­spie­ler, nicht Stars, son­dern namen­lo­se Dar­stel­ler zei­gen, was sie kön­nen. Jeder wählt sich sei­ne eige­ne Rol­le. Pan­talo­ne, il Dot­to­re, l’ar­lec-chi­no, Brig­hel­la, Rosi­na oder Ros­au­ra beherr­schen das Sce­n­a­rio. Jeder erfin­det sei­ne eige­nen Mono­lo­ge und Dia­lo­ge und beju­belt die Ein­fäl­le der ande­ren, die Schwä­chen der Nach­barn auf der Büh­ne dar­zu­stel­len. Tage der Aus­ge­las­sen­heit, Tage der mög­li­chen Wahr­heit. Unge­bun­de­nes Leben und Sorg­lo­sig­keit. Lärm und Witz, der Char­meur steht in der Gunst des Publi­kums, das den Nar­ren liebt in der Phan­ta­sie. Mor­gen beginnt wie­der der Ernst des Lebens. Die Ver­su­chung lau­ert an den Ecken im Zwie­spalt der gro­ßen Lie­be. Die Schul­den wer­den ver­ges­sen. Pan­talo­ne zählt sein Geld und wirft .ein paar Gold­mün­zen auf den Tisch für die Armen. Er war ver­lo­ren und geret­tet zugleich. Der Gon­do­lie­re muß sei­ne Frau und die zahl­rei­chen Kin­der ernäh­ren. Der Gei­ger war gekom­men, die Sän­ge­rin­nen ver­las­sen geräusch­voll die Oper in ihren präch­ti­gen Gewän­dern. Auch die Paläs­te am cana­le gran­de glei­chen Kulis­sen, auch sie tra­gen Mas­ken, hin­ter denen sich Kom­fort und Annehm­lich­kei­ten nur den Mäch­ti­gen bie­ten. Das kecke Stu­ben­mäd­chen hat kei­nen Anteil dar­an, kei­ne nost­al­gi­schen Gefüh­le ändern ihr Zim­mer zum fins­te­ren Hof, Höh­len ohne Licht mit Luft seit Jahr­zehn­ten. Käl­te und Feuch­tig­keit in den Mona­ten des Win­ters sind die größ­ten Pla­gen heu­te noch wie einst die Pest.

Eine Stra­fe für die­se mär­chen­haf­te Stadt in der Lagu­ne, die gebaut wur­de auf aber­tau­send Pfäh­len mit­ten im Meer? Die schöns­te Stadt der Welt mit dem Makel der Fri­vo­li­tät, den gol­de­nen Schnitt zu ver­leug­nen. Der Palast des Dogen raubt dem Besu­cher den Atem, sei­ne Fens­ter ver­sto­ßen gegen das Ide­al abend­län­di­scher Archi­tek­tur. Sie lie­gen unter­schied­lich hoch und wider­spre­chen der Kunst der Anti­ke und der Renais­sance glei­cher­ma­ßen. Die Geschich­te die­ser Köni­gin unter den bedeu­tends­ten Städ­ten beweg­te einst­mals die Welt, ihr Atem ist heu­te noch zu spü­ren. Der Papst schick­te die vene­zia­ni­schen Trup­pen nach Kon­stan­ti­no­pel, der christ­li­chen Stadt. Sie raub­ten die Schät­ze und plün­der­ten die Stadt. Vier Pfer­de in Bron­ze, ver­gol­det, zeu­gen davon. Über dem Por­tal der Mar­kus­kir­che fan­den sie ihren Platz. Wofür ein Zeug­nis? Hin­ter den Kulis­sen der rei­chen Paläs­te scheint Vene­dig ein Elends­vier­tel von bewe­gen­der Schön­heit. Der Palast des Dogen, das Haupt­quar­tier einer tyran­ni­schen Olig­ar­chie, die das Volk mit der Zucht­ru­te regier­te. Eini­ge weni­ge Fami­li­en nur gehör­ten zu den Ehren­wer­ten, die die Geset­ze erlie­ßen, fürch­tend jeg­li­che Kon­kur­renz. In ihren Kreis auf­ge­nom­men zu wer­den, war fast unmög­lich. Der Doge, der Vor­sit­zen­de die­ser Pha­lanx, der all­mäch­ti­ge Mann, nicht er herrsch­te, die Kauf­leu­te waren es, die die Macht in ihren hab­gie­ri­gen Hän­den hiel­ten. Je weni­ger Macht er hat­te, des­to mehr wur­de er vom Vol­ke ver­ehrt, aber in sei­nem Namen wur­de gehan­delt und gerich­tet. Sei­ne Eli­te­trup­pen raub­ten das Eigen­tum ande­rer, über die Seuf­zer­brü­cke trat der poli­tisch Ver­ur­teil­te den schwe­ren Gang an zu den berüch­tig­ten Blei­kam­mern, um Vene­dig nie­mals wie­der­zu­se­hen. Der Kauf­mann, der Bäcker, die Schlach­ter leis­te­ten Skla­ven­diens­te zum Ruhm der herr­li­chen Stadt — oder um den Reich­tum der ehren­wer­ten Fami­li­en zu mehren?

Das Volk lehn­te sich auf, es revol­tier­te. Denun­zia­ti­ons­brief­käs­ten gaben den zit­tern­den Mäch­ti­gen die Mög­lich­keit, Auf­rüh­rer und Unlieb­sa­me ohne Ver­hand­lung zu rich­ten. Die poli­ti­sche Grö­ße schwand dahin in dem Maße, in dem der den Reich­tum brin­gen­de Gewürz­han­del ver­sieg­te. Die Macht schmolz, ungläu­big fiel das Regime ins Extrem. Träu­me ver­gin­gen, die schwe­re Hand der Dik­ta­tur las­te­te auf der Stadt.

Nur ein­mal im Jahr durf­te der Vene­zia­ner sein, wie er war, sein, was er woll­te. Ein Ven­til, ein­ge­kes­selt in weni­ge Tage’ nur. Das gro­ße Spek­ta­kel begann, ein Abglanz des Lebens. Eine Vor­stel­lung ohne Rech­nung. Die Mas­ke ver­birgt den Ket­zer, eine Wahr­heit am Ende des Traums. Kor­rup­te Staats­be­am­te misch­ten sich unter das Volk. Auch sie hin­ter den Mas­ken. Ihre Flü­gel haben Augen, die bli­cken in alle Win­kel, hören mit schar­fen Ohren, den Unwil­len zu berich­ten, das Schwert über den Men­schen schär­fer zu schlei­fen. Das unschul­dig hin­ein­ge­wor­fe­ne Kind, in die­se Welt, die die Unschuld ver­lor. Der Zug der Komö­di­an­ten, sie konn­ten drei Tage lang sein, wer sie sind. Am Ende der Tod mit ver­söhn­li­cher Ges­te. Aus sei­nen Hän­den stei­gen die Rosen der Lie­be in einen Him­mel, der sich für kur­ze Zeit öff­ne­te in Frei­heit. Nur die ech­te Lie­be ver­birgt nicht das Gesicht.

„Car­ne­va­le di Vene­zia”, das Bild­nis die­ser Tra­gi­ko­mö­die umfängt das umfas­sen­de Leben damals wie heu­te. Der “Bogen umspannt die ver­gan­ge­ne Zeit wie die jet­zi­ge, die Zeit, in der wir leben. Tie­fe Ein­sich­ten in den Ruhm und die Schänd­lich­keit mensch­li­cher Exis­tenz waren Anlaß, dies Bild zu malen. Die Suche nach dem ver­lo­re­nen Men­schen­bild starrt dem Be-trach­ter’ins Gesicht. Der so von Gott geschaf­fe­ne Mensch in all sei­ner Nackt­heit, der Kör­per und die See­le neh­men ihm den Atem im Neben- und Mit­ein­an­der von Schön­heit und

Grau­en. Arlec­chi­no träumt, sei­ne Flö­te ver­ges­send, mit sei­nen Hän­den. Obrig­keit schrei­tet trom­melnd mit den Flü­gel-Augen durch den Raum, Harm­lo­sig­keit nur täu­schend. Aus dem Dun­kel der Nacht her­vor tanzt die Lie­be, das Paar, die Mas­ke ver­schmä­hend, über­win­dend die Macht und den Haß. Erleuch­tung in tie­fer Nacht, in die­ser Tie­fe des Rau­mes gol­den leuch­tend die Kir­che des Mar­kus, Licht aus­streu­end über den gan­zen Platz. Wider­schein auf den Gesich­tern: Hoff­nung. Hier darf ich sein, wenn auch hin­ter der Maske.

Dies Bild aus drei Tei­len, das man nicht tei­len, nicht tren­nen kann, ohne den Sinn zu ver­än­dern, das ein­zeln sich selbst ver­klei­nert zu einem Tor­so, ein Bild ohne Kopf oder Füße. Die Nackt­heit der Frau mit der Mas­ke des Vogels gehört dazu wie die Gui­tar­re oder das Mäd­chen mit dem über­la­de­nen Tel­ler vol­ler Früch­te und Reich­tum der Mäch­ti­gen. Die aus dem dunk­len Vio­lett schei­nen­den Paläs­te, die Mas­ken vor­wei­send, eben­so wie die Zau­ber­ku­gel oder die ver­lo­re­nen Mas­ken und das fried­li­che Sym­bol der Tau­ben sind bedeu­ten­de Ele­men­te des Dra­mas Mensch. Nichts auf dem Bild bleibt beim alten, alles muß flie­ßen. Es gibt kei­ne Umkehr, kein Zurück: Geh in der glei­chen Rich­tung wei­ter, das tie­fe Erleb­nis des mensch­li­chen Dra­mas, wie anders ist es mög­lich als im gera­den Weg zu sich selbst. Von hier aus nur kommt man zur Demut.

Car­ne­va­le di Vene­zia ist eine Meta­pher für die Sum­me aller Begeg­nun­gen und tie­fen Ein­sich­ten in die Natur des Men­schen und das Ergeb­nis einer über vier­zig­jäh­ri­gen inten­si­ven künst­le­ri­schen Arbeit. Das The­ma, die vie­len hin­ein­kom­po­nier­ten Moti­ve erhal­ten ihre Bedeu­tung durch das Maß der Ergrif­fen­heit des Künst­lers von ihnen. An der Form zeigt sich die Qua­li­tät, sie ist ein Hin­weis auf die Stär­ke die­ser Ergrif­fen­heit, dem Künst­ler bewußt oder nicht.

Epi­log: Eine Freun­din, nahe­zu erblin­det, erar­bei­te­te sich in stun­den­lan­ger Mühe mit ihrem Oku­lar das Motiv des Todes, aus des­sen Hän­den die Rosen ent­schwe­ben. Sie stand vor dem Weg zu einer mit dem Tode rin­gen­den Frau. Sie erzähl­te der Freun­din mit ergrif­fe­nen Wor­ten von dem sie so bewe­gen­den Motiv. Stark muß die­ser Trost sie berührt haben, denn sie starb in Frie­den, mit Hoff­nung. Ein schö­ner Dank für den Maler des Bildes.”

Han­no Edelmann