Gedanken über einen Weg zur Plastik

Man spricht heu­te, wenn man an plas­ti­sche Kunst denkt, von Kon­struk­tio­nen Objek­ten, Assem­bla­gen oder Envi­ron­ments u. deu­tet damit die erwei­ter­ten Mög­lich­kei­ten an, mit denen Raum aus­ge­lo­tet wer­den soll. Ganz anders in der Zeit der berühm­ten 20er Jahre.

Alle die­se Begrif­fe exis­tier­ten noch nicht, schon gar nicht in mei­nem vier­jäh­ri­gen Dasein. Ich fing schon früh an, mei­ne nähe­re Umge­bung durch Krit­ze­lei­en unsi­cher zu machen. Ein Objekt war die glän­zend schwarz lackier­te u. mit gol­de­nen Orna­men­ten ver­zier­te Sin­ger- Näh­ma­schi­ne, die im elter­li­chen Wohn­zim­mer stand u. mich reiz­te, mit einer teu­ren Näh­na­del Figu­ren in den Lack zu rit­zen. Oma fand auf ihr Platz — sie konn­te so schön sin­gen — und Opa, der sei­nen mäch­ti­gen Schnurr­bart näch­tens aus einem mir uner­find­li­chen Grun­de mit einer Bart­bin­de fest­mach­te, deren Bän­der um die Ohren gewi­ckelt wur­den. Sei­ne vie­len gekräu­sel­ten Haa­re füll­ten einen Teil der schwarz glän­zen­den Flä­che. — Ver­ständ­li­cher­wei­se hat­ten die Eltern wenig Sinn für die­ses Kunst­werk, wo sowie­so nur Musik in unse­rem Haus ernst genom­men wur­de. Auch die mor­gend­li­che Buch­wei­zen­grüt­ze, die mir ein Greu­el war, und die wir, mei­ne wenig älte­re Schwes­ter u. ich auf einem hohen Sofa ‚behängt mit Spit­zen feins­ter Art, sit­zend, essen muß­ten, bekam ihren Reiz nur dadurch, daß sich mit dem dun­kel­brau­nen Sirup Figu­ren dar­auf träu­feln ließen.

Vier Jah­re alt, bewohn­ten wir eine klei­ne Woh­nung in einem sehr alten Haus in einer sehr alten Stra­ße mit vie­len sol­chen alten Häu­sern mit­ten in einem sehr alten Stadt­teil Ham­burgs. Trep­pen wie Hüh­ner­stie­gen steil, führ­ten in die Zwei­zim­mer­woh­nung mit ent­setz­lich klei­ner Küche. Ein hoher Tor­weg führ­te in die Hin­ter­häu­ser, in denen alles noch viel klei­ner war u. noch bil­li­ger. Hier in die­sem Tor­weg, der gewöhn­lich unser Spiel­platz war, erfuhr ich so etwas wie eine Beru­fung zum Bildhauer.

Mei­ne Schwes­ter durf­te schon in das gro­ße Schul­haus gehen, wo ein rie­si­ger Ele­fant aus­ge­stopft im Trep­pen­haus stand. Trau­rig hock­te ich im Tor­weg. Ein Hund hock­te sich vor mich hin und mach­te sein Häuf­chen. Fas­zi­niert starr­te ich auf die­sen klei­nen Turm der da ker­zen­ge­ra­de ste­hen blieb. unten ein wenig gerin­gelt, glich die­ser Hau­fen einer Matro­ne mit gebläh­ten Röcken. Oben­drauf hat­te sich die Spit­ze ein wenig gerin­gelt, als wären Kopf u. Haa­re ent­stan­den. Mei­ne tota­le Hin­wen­dung zum gegen­ständ­li­chen schien voll­kom­men. Abs­trak­te Gedan­ken kräu­sel­ten die Wel­len mei­nes kind­li­chen Bewusst­seins nicht, kein Objekt war hier ent­stan­den, son­dern ein klei­ner Mensch. Noch heu­te befällt mich das glei­che erschau­ern­de Gefühl, wenn es mir gelingt, ein klei­nes Mensch­lein aus Ton erste­hen zu las­sen. Tage­lang ver­such­te ich damals, das Hun­de­kot­mensch­lein nach­zu­for­men. In spä­te­ren Jah­ren wur­de man­che Rin­de, man­ches Stück Holz zu Lie­gen­den, Sit­zen­den oder auch nur zu Schachfiguren.

Das Schul­pult, wir saßen ein­ge­klemmt zwi­schen Bank u. Pult, die fest mit­ein­an­der ver­bun­den waren, sah bald aus wie ein Acker, mit Bau­ern, Hüh­nern u. Vögeln, die ich hin­ein­ge­schnitzt hat­te. Hier half nur die Phan­ta­sie u. ein glück­li­cher Zufall, der mir einen sehr musi­schen Leh­rer bescher­te — leb­te ich doch nur zwi­schen Kau­ern und stei­ner­nen Tor­bö­gen u. Stra­ßen — die Figu­ren zu erfin­den, zu schnit­zen u. am Ende nicht ein­mal bestraft zu wer­den dafür, wie es mir spä­ter erging, als die Nazis ihn fort­ge­holt hatten.“Narrenhände beschmut­zen Tisch und Wän­de” muß­te ich dann vie­le Male schrei­ben. Mit dem Fort­gang die­ses Leh­rers, mit dem ich glück­li­che Gei­gen­stun­den erleb­te, begrub. ich damals mei­nen bren­nen­den Wunsch, Musi­ker zu werden.

Nun begann eine recht trau­ri­ge Zeit. Zacki­ge Leh­rer, Rohr­stock u. Straf­ar­bei­ten ver­dun­kel­ten von nun an den Rest mei­ner Schul­zeit. mei­ne Pult­schnit­ze­rei­en brach­ten mir eine 4 im Zeich­nen ein. Ich träum­te vor mich hin, zeich­ne­te wann ich konn­te für mich allein, und wenn ich etwas Papier vom Groß­va­ter bekam.

Ein Schat­ten war auf mein Leben gefal­len. Ich erleb­te die fol­gen­de Zeit mehr im Traum, der mich beschütz­te. Ich träum­te davon, gegen alle Wider­stän­de ein­mal ein gro­ßer Künst­ler zu wer­den, zu dem die, die mich quäl­ten, auf­bli­cken mussten.

Hel­ler waren nur die Aben­de, in denen ich damals schon als 10jähriger zum Zeich­nen in die Kunst­schu­le gehen durfte.

Damals zeich­ne­te ich den gan­zen Requi­si­ten­raum leer. Ein Gerip­pe eben­so wie eine aus­ge­stopf­te deut­sche Dog­ge, ein lädier­tes Kru­zi­fix, eine sich mäch­tig blä­hen­de Eule und viel ande­res Getier. Ich zeich­ne­te schnell und kon­zen­triert. Die erwies sich aber als Feh­ler, denn übrig blie­ben nun nur noch die in Gips nach­ge­gos­se­nen Köp­fe, Reli­efs und grie­chi­schen Figu­ren, und schließ­lich blieb auch ich weg und war wie­der für mich allein. Allein, bis sich eine klei­ne Grup­pe jün­ge­rer Künst­ler für mich inter­es­sier­te. Bei die­sen erleb­te ich eine Welt, mit dem der bei uns im Wohn­zim­mer hän­gen­de Druck der Toten­in­sel von Böck­lin, ein damals höchst belieb­tes Bild — man fühl­te sich bei Freun­den immer gleich zuhau­se, weil’s auch dort hing, in kei­ner Wei­se kon­kur­rie­ren konnte.

Ein ver­wir­ren­der Dach­bo­den, zahl­lo­se Türen, über­all Ate­liers, gro­ße Fens­ter, aus denen sich ein Pan­ora­ma der gan­zen Stadt erbli­cken ließ und ein Sofa, auf dem ein kar­min­ro­ter Tep­pich aus­ge­brei­tet lag, ein spä­ter oft von mir gemal­tes Motiv, ver­setz­ten mich in einen traum­haf­ten Zustand. Bei die­sem lus­ti­gen Völk­chen erleb­te ich zum ers­ten Mal, dass mei­ne Bil­der ernst genom­men wur­den. Sie nah­men mich, obwohl viel zu jung, ein Jahr­zehnt trenn­te uns, in ihren Kreis auf. Die­ses Glück dau­er­te nicht lan­ge. Die vor­ge­se­he­nen Stun­den des Akt­zeich­nens, an denen ich teil­neh­men soll­te, gefie­len mei­nem Vater gar nicht. Er sah mich wohl schon in gro­ßer Ver­kom­men­heit mit brot­lo­ser Kunst, wie er mein­te, auf irgend­ei­nem Dach­bo­den ver­hun­gern. Auch stand dies sei­nen Plä­nen im Wege, aus mir einen Archi­tek­ten zu machen. Also ließ er mich kur­zer­hand von einem renom­mier­ten Archi­tek­ten prü­fen, bei dem mir aber nichts bes­se­res ein­fiel, als ihn und alle sei­ne Mit­ar­bei­ter zu ihrem gro­ßen Ent­zü­cken zu por­trai­tie­ren. Sie sahen schnell ein, dass in mir ein Maler ver­lo­ren gegan­gen wäre und schenk­ten mir zum Abschied einen Ölmal­kas­ten, der mich sehr glück­lich, mei­nen Vater aber miss­mu­tig machte.

Wäh­rend der Jah­re mei­ner Kunst­schul­abend­zeich­ne­rei streun­te ich heim­lich, wenn der Pro­fes­sor sich für eine Wei­le in sein eige­nes Ate­lier zurück­ge­zo­gen hat­te, durch die vie­len Schü­ler­ate­liers. Ich sehe noch deut­lich die natu­ra­lis­ti­schen, glat­ten, glän­zen­den Bil­der vor mir, deren Vor­bil­der die damals berühm­ten Künst­ler des Tau­send­jäh­ri­gen Rei­ches waren. Hier hin­gen ver­sam­melt die klei­nen Zieg­ler, die Padua, die Sepp Hilz. Die pflü­gen­den Bau­ern im Abend­rot, die Müt­ter am Herd, die Babys säu­gend, die Hit­ler­jun­gen und die lie­gen­den und ste­hen­den Akte mit stram­men Schen­keln. Ver­wir­ren­der und bedeu­tend inter­es­san­ter die Bild­hau­er-Klas­sen. Nicht die gro­ßen, nach Tho­rak und Breker aus­se­hen­den, son­dern die klei­nen Figu­ren fes­sel­ten mich. Auf dem Boden, auf den Rega­len lagen und stan­den Köp­fe, Bei­ne, Bäu­che und eini­ge rät­sel­haf­te For­men, die gar nichts zu bedeu­ten schie­nen. Hier hät­te ich zeich­nen mögen, aber das war ver­bo­ten, und wir waren ja zum Gehor­sam erzo­gen wor­den. Die fol­gen­de Zeit liegt für mich, was die Bild­haue­rei betrifft, ein wenig im Dun­keln. Für “Füh­rer und Vater­land”, mir damals schon recht nebu­lö­se Begrif­fe, opfer­te ich einen beträcht­li­chen Teil mei­ner Jugend.

Die nächs­te Figur, an die ich mich erin­nern kann, ent­stand in einer Erd­ba­ra­cke in Sibi­ri­en, wohin mich der “Vater­lands­dienst” ver­schla­gen hat­te. Krank gewor­den, war ich für ein paar Tage tags­über allein in die­sem dunk­len, unter­ir­di­schen Raum. Eine win­zi­ge Glüh­bir­ne erhell­te not­dürf­tig den klei­nen Platz in einer Ecke, an dem ich mit Ton, den ich aus der Töp­fe­rei des Lagers gestoh­le­nen hat­te, eine etwa 2o cm. hohe Figur formte

Es gelang mir nicht mehr, alles zu ver­ber­gen, als der Kom­man­dant vor mir stand, ein klei­ner rus­si­scher Gene­ral, der mit einer Kom­mis­si­on das Lager inspi­zier­te. Bestra­fung für den Ton- Dieb­stahl gewär­ti­gend, Essen­ent­zug und Straf­ar­beit, viel­leicht Kar­zer, war ich über­aus betrof­fen. Doch statt mich zu bestra­fen, staun­te die­ser Herr, klatsch­te in die Hän­de und rief: ” ein klei­ner Mensch, ein klei­ner Mensch!” Kom­mis­si­on und Inspek­ti­on waren ver­ges­sen. Hier sah ein Mensch einen eben gebo­re­nen Men­schen, einen klei­nen. “Aber”, sag­te er, “das ist kein Arbei­ter. Ein Arbei­ter ist ein Arbei­ter und muss aus­se­hen wie ein Arbei­ter. Dein Arbei­ter ist ein Arbei­ter mit dem Kopf eines Intel­lek­tu­el­len. “Auch wir waren Arbei­ter gewor­den. Die Arbeit war hart, aber wir sahen nicht aus, wie der klei­ne Gene­ral es ver­lang­te. Mein Arbei­ter hat­te einen Spa­ten, aber der Kopf pass­te nicht zu ihm, er war wie wir.

Kei­ne Stra­fe also, von nun an berei­cher­te ich die klei­ne Künst­ler­stu­be, ein win­zi­ges Ate­lier in einer Bara­cke ” über Tage “mit ech­tem Tages­licht. Ein Anstrei­cher, der lieb­li­che Land­schaf­ten und hüb­sche Mäd­chen mit Blu­men und rie­si­ge Stil­le­ben mit gro­ßen Melo­nen mal­te, ein Dre­her aus dem Erz­ge­bir­ge, schnit­zend seit sei­ner Jugend und ein alter Herr aus Öster­reich, der wohl nur ver­se­hent­lich hier­her­ge­ra­ten war und nied­li­che Rös­chen aus Ton auf wohl­ge­form­te Vasen model­lier­te, waren mei­ne künf­ti­gen Kunst­ge­nos­sen. Mag sein, daß ich nur am Leben blieb, weil die­ser Zufall mir die har­te Arbeit außer­halb des Lagers erspar­te. Figu­ren ent­stan­den, Vasen mit Orna­men­ten, die über­aus beliebt waren bei den sich kind­lich dar­über freu­en­den, inzwi­schen Sie­ger gewor­de­nen Bewa­chern. Eine gro­ße Anzahl Por­traits und Bil­der mal­ten wir mit pri­mi­tivs­ten Far­ben, meis­tens auf Holz, sel­te­ner auf knap­per Lein­wand. Mei­ne Plas­ti­ken muss­ten einen in der Stadt leben­den rus­si­schen Bild­hau­er beein­druckt haben, denn es kam ein Auf­trag, für das Muse­um die­ser rela­tiv gro­ßen Stadt ein paar Reli­efs zu gestalten.

Die Begeg­nung mit die­sem Bild­hau­er, einem ehe­ma­li­ger Zehn­kampf­meis­ter im Sport, dem der unse­li­ge von uns aus­ge­gan­ge­ne Krieg ein Bein raub­te, hat­te eine beson­de­re Bedeu­tung für mich. Sein Ate­lier stand in kras­sem Wider­spruch zu unse­rem win­zi­gen, in dem wir vier zusam­men­hock­ten. Ein rie­si­ger Raum mit gro­ßen Fens­tern, Figu­ren in gro­ßer Zahl auf Böcken man­che noch mit Tüchern ver­hüllt, noch in Arbeit. über­ra­schend aber sei­ne Herz­lich­keit. Kein Hass, kei­ne Ver­ach­tung, hüpf­te er auf sei­nen Krü­cken durch sein Ate­lier, dies Tuch lüf­tend, jene Figur dre­hend, mein Urteil erwar­tend. Hier fand ich, wenn auch nur für die kur­ze Zeit unse­rer Zusam­men­ar­beit einen lie­be­vol­len, nur ein wenig älte­ren Leh­rer, der mir ein gro­ßes Stück mei­nes frü­he­ren Glau­bens an die Kunst zurückgab. Ich lern­te zu zer­stö­ren, was nicht unge­wöhn­lich ist. Belang­lo­ses ver­trägt die Kunst nicht, tötet sie und am Ende den Künstler.

Zu der Zeit gab es für uns im Tau­send­jäh­ri­gen Reich erzo­ge­nen jun­gen, all­zu jun­gen Men­schen weder Impres­sio­nis­mus noch Expres­sio­nis­mus, kei­nen Dada­is­mus, Sur­rea­lis­mus oder ande­re Ismen. Abs­trakt hat­ten wir nie gehört. Die Kunst dem Vol­ke. Die Platt­heit war Trumpf, wur­de uns zur Kunst gemacht. Kunst war im Tem­pel , der Tem­pel stand in Mün­chen, der ” Füh­rer ” bestimm­te, was Kunst war, auch er ein Anstreicher.

Die­ser jun­ge rus­si­sche Bild­hau­er gab sein gan­zes Gefühl, sei­ne Lie­be, mach­te sie durch die Plas­tik sicht­bar. Mit pri­mi­tivs­ten Mit­teln lös­ten wir Pro­ble­me. Bron­ze gab es nicht. Aus Not wur­de imi­tiert , was tech­nisch war. Künst­le­risch aber ver­lang­te er das Äußers­te, die gan­ze Existenz.

Die Reli­efs hän­gen wohl heu­te noch in jenem Muse­um. Die­ser Bild­hau­er und ein jun­ger Gra­phi­ker- wie er im Muse­um beschäf­tigt, woll­ten mich nach Mos­kau schi­cken, zur Aka­de­mie. Ich wäre heu­te nicht hier.

Der Zufall brach­te mich nach Deutsch­land zurück.

Ein ver­bo­ten gemal­tes Bild, vor dem unbe­merkt ein­tre­ten­den Lager­kom­man­dan­ten eben noch ver­bor­gen, ließ mich erblas­sen. Der Schre­cken mach­te mich weiß wie die Wand. Mein Glück. E

Der ers­te Schritt in Deutsch­land war wie eine Geburt, eine zwei­te Geburt. Der ers­te Schritt, ohne um Erlaub­nis fra­gen zu müs­sen. Das Stu­di­um der Male­rei nahm mich gefan­gen. Skulp­tu­ren ent­ste­hen nur dann und wann. Gewal­tig waren die Ver­füh­run­gen. Abs­trakt, unge­gen­ständ­lich war erlaubt, der Gegen­stand, der sicht­ba­re Mensch waren tot.

Ich lieb­te den Men­schen, er war nicht tot, er war um kei­nen Preis tot. Der Krieg war vor­bei. Es lebe der Mensch. Ich glaub­te an die Ver­nunft, ich glaub­te an die Lie­be. Der ers­te Schritt war der wich­tigs­te. Ich zog die Schu­he aus. Bar­fuß begriff ich die Erde, beging sie, tas­te­te Sand, Stein, Gras. Wir nah­men den Kampf auf, den fried­li­chen Kampf für den Men­schen ohne Gewalt. Der Mensch, der Gegen­stand waren nicht zu vertreiben.

Vie­le Jah­re spä­ter ent­steht erneut Plas­tik. Ein Mensch, ein klei­ner Mensch, jede Skulp­tur ent­steht mit dem glei­chen erre­gen­den Vibrie­ren des Gefühls. Plas­tik erschließt Raum, den Male­rei nicht erzeu­gen kann, nur Illu­si­on. Bei­des ist fas­zi­nie­rend. Moti­ve ver­schmel­zen, Gestal­tung nicht, ist auto­nom. Eine Ent­schei­dung gab es für mich nicht, gibt es nicht. Eine Fra­ge der Bega­bung. Kein Wider­spruch, aber Erwei­te­rung. Maler model­lier­ten, Bild­hau­er mal­ten. Seit Jahr­hun­der­ten. Berühm­te auch in neue­rer Zeit: Matis­se, Picas­so, Renoir, Marini.

Frü­he Träu­me erfül­len sich, das Alter redu­ziert Erwar­tun­gen, ver­tieft die Selbst­kri­tik. Freun­de erset­zen ein Volk, das Kunst nicht braucht, sie nicht schätzt, als über­flüs­sig emp­fin­det. Kein Traum, kei­ne Phan­ta­sie. Beschei­den­heit ist Reich­tum. Die Kunst ist absolut.

Das Aquarell

Der lie­bens­wer­te Leh­rer sei­nes berühm­ten Zeich­ner-Schü­lers Jans­sen bestimmt auch heu­te noch weit­ge­hend die Arbeits­wei­se sei­ner Zög­lin­ge beim Aqua­rel­lie­ren. Frisch hin­ge­tupft, über­mu­scheln galt als klei­nes Ver­bre­chen. Vor­zeich­nung, gleich, ob mit Feder oder Tusche, kränk­ten ihn aufs Tiefs­te. Auch ich lern­te einst zu einer Zeit, als die moder­ne Kunst mit allen zu Gebo­te ste­hen­den Mit­teln aus­ge­rot­tet wer­den soll­te, die­se aka­de­mi­sche Mal­wei­se, die so über­zeu­gend auf uns wirk­te und doch auf ekla­tan­te Wei­se jeg­li­che künst­le­ri­sche Frei­heit auf ein Mini­mum beschränk­te. Ob mit oder ohne die­sen Aka­de­mis­mus Kunst ent­steht, ver­mö­gen Zeit­ge­nos­sen sel­ten zu beur­tei­len, eine Wer­tung liegt mir fern und soll nicht die Auf­ga­be die­ses klei­nen Trak­ta­tes sein. Ich habe so man­chen viel­ver­spre­chen­den Kunst­jün­ger gera­de an die­ser aka­de­mi­schen Mal­wei­se schei­tern sehen. Auch der schon erwähn­te Zeich­ner-Schü­ler von Alfred Mahl­au ist nicht frei davon. Zwang­los und ohne Gegen­wehr ent­steht hier­bei ein Vir­tuo­sen­tum, das fas­zi­nie­rend wirkt auf unse­re Zeit­ge­nos­sen der tech­ni­schen Per­fek­tio­nen. ﷯Ganz anders mei­ne Reak­ti­on auf die sei­ner­zeit von mei­nem Leh­rer von mir gefor­der­te Unter­wer­fung. Ich lehn­te mich auf, schlu­der­te rasant, über­mal­te, wo mir die Far­be nicht reich­te, mit Krei­de oder Ölstif­ten und han­del­te mir so reich­lich Ärger ein. Ich wur­de trotz­dem gelit­ten in der klei­nen, staat­li­chen Kunst­schu­le in der Albrecht Dürer-Stra­ße, viel­leicht gera­de des­halb, weil ich ziel­stre­big schei­ter­te an den Auf­ga­ben, die die ande­ren mit Bra­vour und zuneh­men­der Vir­tuo­si­tät zur genüss­li­chen Zufrie­den­heit des Leh­rers erfüll­ten. Wie sich die­ser Kno­ten ent­wirrt hät­te, weiß ich nicht, denn es war Krieg, und nun kam die Rei­he an mich, der Kunst ade zu sagen und den Stahl­helm auf­zu­set­zen. Heim­ge­kehrt nach leid­vol­len Jah­ren, kann­te mei­ne Beses­sen­heit kei­ne Gren­zen, nun aber erkann­te ich, daß mein Weg nicht so falsch war, wie mir ein­ge­re­det wur­de, gab es doch eine gro­ße Epo­che in der eng­li­schen Male­rei, die sich in einer unglaub­lich inten­si­ven Was­ser­far­ben­ma­le­rei zu beson­de­rer Grö­ße ent­wi­ckel­te. Auch die uns bis dahin unbe­kann­ten gro­ßen Maler der Eco­le de Beaux Art und beson­ders die deut­schen Expres­sio­nis­ten, waren frei von jeg­li­chem Aka­de­mis­mus. Nicht aus­zu­den­ken, wenn mir die­se gro­ßen Aqua­rel­lis­ten in jei­ner keim­frei­en Zeit begeg­net wären. Um zurück­zu­kom­men auf den Aus­gangs­punkt die­ser Gedan­ken­rei­he, erscheint es mir zwangs­läu­fig rich­tig, daß ein Zeich­ner anders aqua­rel­lie­ren muß als ein Maler. Prof.Alfred Mahl­au, die­ser groß­ar­ti­ge Leh­rer, an des­sen wöchent­li­chen Kor­rek­tu­ren ich, im Hin­ter­grund blei­bend, häu­fig teil­nahm, urteil­te und ver­ur­teil­te mit Lie­be und Här­te glei­cher­ma­ßen. Auf eine Lie­bens­wür­dig­keit folg­te ham­mer­schlag­ar­tig ein tota­ler Ver­riss. Wie anders mein eige­ner Leh­rer Wil­lem Grimm, der pol­ternd direkt den Stier bei den Hör­nern pack­te und den Schü­ler mit einem ein­zi­gen aber immer treff­si­che­ren Schlag in den Boden ramm­te. Da das Aqua­rell in mei­ner Mal­klas­se kei­ne Rol­le spiel­te und leicht­hin als unwe­sent­lich abge­tan wur­de, war ich natür­lich begie­rig, in ande­ren Klas­sen, was zu die­ser Zeit von dem jeweils eige­nen Leh­rer mit unver­hoh­le­nem Miss­be­ha­gen gese­hen wur­de, mehr zu erfah­ren. Ich wur­de aller­dings recht ent­täuscht bei mei­ner Suche und ver­ließ mich dann ganz auf mich selbst. Ich sah Mahl­au an der Elbe sit­zend, fast ängst­lich vor sei­nem Block, vor dem so schö­nen, rei­nen Papier. Mit Lie­be und Sen­si­bi­li­tät zeich­ne­te er mit der Feder die Land­schaft, die ihn so begeis­ter­te. Die danach hin­ein­ge­tupf­ten Far­ben ent­spra­chen der Zart­heit sei­nes Gemüts. Die­se leich­ten, fast wie lasiert wir­ken­den Zeich­nun­gen spie­geln sich heu­te noch in man­chem sei­ner dama­li­gen Schü­ler, so daß man wohl mit Recht sagen kann, daß er im klei­nen Rah­men eine Schu­le begrün­det hat in die­ser ers­ten Nach­kriegs­zeit, die heu­te noch fort­wirkt. Mei­ne eige­nen Aqua­rel­le ent­wi­ckel­ten sich nun in ganz ande­rer Wei­se. Vor­aus­set­zung dafür war die Suche nach einem Aqua­rell­pa­pier, das eine vehe­men­te, fast bru­ta­le Arbeits­wei­se aus­zu­hal­ten imstan­de war. Das von den aka­de­mi­schen Aqua­rel­lis­ten bevor­zug­te sau­gen­de und mehr oder weni­ger ober­flä­chen­rau­he, wohl allen bekann­te Papier, genüg­te die­sen Anfor­de­run­gen nicht. Heu­te benut­ze ich ein fast glat­tes, stär­ker geleim­tes, das noch dann sei­ne Rein­heit durch­schim­mern läßt, wenn von Mahl­au ver­pön­te meh­re­re Schich­ten der Aqua­rell­far­be, über­ein­an­der­ge­legt, neue Farb­räu­me erschlie­ßen. Auf die­se Wei­se bewah­re ich den Grund­cha­rak­ter des Aqua­rells, die Trans­pa­renz der Far­be, set­ze sie aber in neue Span­nungs­ver­hält­nis­se durch zusätz­li­che Mate­ria­li­en. Der Zau­ber beson­ders der eng­li­schen Aqua­rell­far­ben von Wind­sor & New­ton ver­tieft sich dadurch unge­mein. Dem Auge wird die klei­ne Sen­sa­ti­on eines Wech­sel­spiels gebo­ten, wie sie in der aka­de­mi­schen Mal­wei­se nicht vor­kommt. Ich scheue mich nicht, klei­ne mit Gra­phit hin­ein­kom­po­nier­te Inseln gegen gro­be Farb­ak­zen­te zu set­zen oder mit einer umge­dreh­ten Feder Lini­en in die feuch­te Far­be zu rit­zen. Leuch­ten­de Far­ben wech­seln mit zar­tes­ten und geben sich die Ehre, der Zei­chen­fe­der und Tusche ihre Refe­renz zu erwei­sen. So ange­wandt, bie­tet das Aqua­rell Raum und Zeit zugleich. Räu­me aus der Span­nung von der gedeck­ten zur trans­pa­rent benutz­ten Far­be mischen sich mit der Linie oder einer zar­ten Gra­phit-Zeich­nung. Vor allem aber kann sich die Arbeit an einem sol­chen Aqua­rell über Tage erstre­cken, weil die Far­be bis zu einem gewis­sen Grad auch wie­der abge­wa­schen wer­den kann. Eines aber ist nun in der einen und in der ande­ren Tech­nik abso­lut unmög­lich: Papier, das ein­mal auch nur die gerings­te Men­ge Far­be auf­ge­nom­men hat, wird nie wie­der jung­fräu­lich, und die­se Bril­lanz läßt sich nun auch ganz und gar nicht durch etwa benutz­tes Deck­weiß erset­zen. Hat sich dies Weiß irgend­wo ein­ge­schli­chen, ist es müßig, von Aqua­rell zu spre­chen, es ist keins mehr. Und nun ergibt sich so ganz neben­bei aber zwangs­läu­fig die Fra­ge, was da denn auf dem Papier zu sehen ist, die Fra­ge nach dem Motiv oder dem, was die meis­ten Betrach­ter eines fer­ti­gen Wer­kes “Was ist das” nen­nen. Sind es nun auf­ge­reih­te Schif­fe auf grau­em Wie­sen­was­ser oder Bäu­me oder gar ero­ti­sche Stü­cke, so mag man durch­aus davon spre­chen kön­nen, soweit das deut­lich erkenn­ba­re Motiv allein schon das Kri­te­ri­um für die­se Arbeit ist. Arbeit, ja Arbeit steckt in jedem Fal­le dar­in. Aber die Arbeit allein macht noch kein Kunst­werk. Ein 10-jäh­ri­ges Mäd­chen sag­te, gefragt danach, was Kunst sei: “Kunst ist, was sel­ten einer kann”. Hier liegt das Pro­blem. Da pin­seln hun­dert Maler den gan­zen Tag rund um die Uhr, da sit­zen Haus­frau­en in jeder frei­en Minu­te vor ihrer Staf­fe­lei, oder Kunst­er­zie­her ver­su­chen, sich von ihrem sie ganz for­dern­den Erzie­her­me­tier zu lösen, um auch Kunst zu machen, und doch ent­steht nur in sel­te­nen Fäl­len dabei wirk­lich Kunst. Woher kommt das? Ein Aqua­rell, und das gilt glei­cher­ma­ßen für jedes Bild, in wel­cher Tech­nik es auch gemalt sein mag, erhält sei­ne künst­le­ri­sche Potenz nicht aus dem, was auf der Flä­che zu sehen ist, son­dern: wie das gemalt wur­de. In abs­trak­ten Wer­ken ist das nun gar nicht mehr kon­trol­lier­bar, weil hier Inhalt und Form und Far­be iden­tisch sind. Ganz anders in der gegen­stands­be­zo­ge­nen Male­rei, näm­lich in der Über­set­zung ins Bild­haf­te. Oft wer­de ich in Aus­stel­lun­gen gefragt, was das denn sei? Mei­ne Ant­wort kann sich dann nur dar­in erschöp­fen, daß ich sage: “Dies ist Male­rei und nichts ande­res”. Ein Stuhl ist dann kein Stuhl mehr son­dern Male­rei. Qanz beson­ders deut­lich erkenn­bar ist das WIE in der Aqua­rell­ma­le­rei an der Hand­ha­bung des Weiß als Far­be, also als Bild­ele­ment, und zwar glei­cher­ma­ßen in der Mahlau’schen wie in mei­ner Art. Es gehört eine gestei­ger­te Dis­zi­plin dazu, das Weiß an der rich­ti­gen Stel­le so jung­fräu­lich wie mög­lich ste­hen zu las­sen, ja, ste­hen zu las­sen, denn ein feh­len­des Weiß ist nicht repa­ra­bel. Die­ses Weiß benut­ze ich gern ab und zu, weil es, als Papier erschei­nend, unglaub­li­che Trans­pa­renz ent­fal­tet und auch den ande­ren Far­ben die­se Trans­pa­renz ver­mit­telt. Das Weiß kann sich unbe­scha­det über das gan­ze Aqua­rell erstre­cken und so zum beherr­schen­den Bild­ele­ment avan­cie­ren. Dies ist aber nicht mei­ne Art, wie ich über­haupt ver­mei­de, in Wie­der­ho­lun­gen zu ver­fal­len, wenn­gleich durch­aus zeit­lich nach­ein­an­der fol­gen­de Aqua­rel­le Ähn­lich­kei­ten auf­wei­sen kön­nen, weil Ideen eine gewis­se Zeit der Rei­fe durch­lau­fen und durch­ge­spielt wer­den kön­nen. Haben sie sich aber erschöpft, erschei­nen neue For­men und Far­ben, denn das Aqua­rell als Mate­ri­al ist schier uner­schöpf­lich, benut­ze ich dazu einen Pin­sel oder gar die Fin­ger, einen Lap­pen oder sonst etwas. Die Far­be läßt sich stri­cheln, kann flie­ßen, über­ein­an­der­ge­legt wer­den oder auch abge­wa­schen. Die­ser Arbeits­vor­gang macht einen unglaub­li­chen Spaß im Wech­sel von Mut und Mut­lo­sig­keit. Das Bewusst­sein der Macht über Mate­ri­al und Papier bedeu­tet für mich ein Stück Frei­heit, die sich nicht erschöp­fen kann, solan­ge ich leben­dig blei­be, und ich blei­be solan­ge leben­dig, wie ich ver­mag, die­se Frei­heit zu spü­ren und zu nut­zen. Das Aqua­rell ist für mich eine Art der Erho­lung von der phy­sisch sehr viel anstren­gen­de­ren Arbeit an gro­ßen Bil­dern. Und es ist gleich­zei­tig ein Expe­ri­men­tier­feld, des­sen Ergeb­nis­se sich dar­in spie­geln. So gese­hen, sind die­se bei­den Medi­en sich gegen­sei­tig befruch­ten­de und unbe­dingt zuein­an­der gehö­ren­de, durch das gan­ze Oeu­vre lau­fen­de Aus­drucks­wei­sen. Bei­de sind allein und unab­hän­gig in mei­ner Arbeit nicht denk­bar. Trotz ande­rer Grund­vor­aus­set­zun­gen, bedingt durch die Art der Far­be und der Mal­grün­de, fin­den sich in bei­den Tech­ni­ken, dem Aqua­rell und der Ölma­le­rei, die sel­ben Spu­ren künst­le­ri­schen Han­delns. Wer die Ölbil­der begrei­fen will, muß auch die Aqua­rel­le sehen und umgekehrt.