Gedanken über einen Weg zur Plastik

Man spricht heute, wenn man an plastische Kunst denkt, von Konstruktionen Objekten, Assemblagen oder Environments u. deutet damit die erweiterten Möglichkeiten an, mit denen Raum ausgelotet werden soll. Ganz anders in der Zeit der berühmten 20er Jahre.

Alle diese Begriffe existierten noch nicht, schon gar nicht in meinem vierjährigen Dasein. Ich fing schon früh an, meine nähere Umgebung durch Kritzeleien unsicher zu machen. Ein Objekt war die glänzend schwarz lackierte u. mit goldenen Ornamenten verzierte Singer- Nähmaschine, die im elterlichen Wohnzimmer stand u. mich reizte, mit einer teuren Nähnadel Figuren in den Lack zu ritzen. Oma fand auf ihr Platz – sie konnte so schön singen – und Opa, der seinen mächtigen Schnurrbart nächtens aus einem mir unerfindlichen Grunde mit einer Bartbinde festmachte, deren Bänder um die Ohren gewickelt wurden. Seine vielen gekräuselten Haare füllten einen Teil der schwarz glänzenden Fläche. – Verständlicherweise hatten die Eltern wenig Sinn für dieses Kunstwerk, wo sowieso nur Musik in unserem Haus ernst genommen wurde. Auch die morgendliche Buchweizengrütze, die mir ein Greuel war, und die wir, meine wenig ältere Schwester u. ich auf einem hohen Sofa ,behängt mit Spitzen feinster Art, sitzend, essen mußten, bekam ihren Reiz nur dadurch, daß sich mit dem dunkelbraunen Sirup Figuren darauf träufeln ließen.

Vier Jahre alt, bewohnten wir eine kleine Wohnung in einem sehr alten Haus in einer sehr alten Straße mit vielen solchen alten Häusern mitten in einem sehr alten Stadtteil Hamburgs. Treppen wie Hühnerstiegen steil, führten in die Zweizimmerwohnung mit entsetzlich kleiner Küche. Ein hoher Torweg führte in die Hinterhäuser, in denen alles noch viel kleiner war u. noch billiger. Hier in diesem Torweg, der gewöhnlich unser Spielplatz war, erfuhr ich so etwas wie eine Berufung zum Bildhauer.

Meine Schwester durfte schon in das große Schulhaus gehen, wo ein riesiger Elefant ausgestopft im Treppenhaus stand. Traurig hockte ich im Torweg. Ein Hund hockte sich vor mich hin und machte sein Häufchen. Fasziniert starrte ich auf diesen kleinen Turm der da kerzengerade stehen blieb. unten ein wenig geringelt, glich dieser Haufen einer Matrone mit geblähten Röcken. Obendrauf hatte sich die Spitze ein wenig geringelt, als wären Kopf u. Haare entstanden. Meine totale Hinwendung zum gegenständlichen schien vollkommen. Abstrakte Gedanken kräuselten die Wellen meines kindlichen Bewusstseins nicht, kein Objekt war hier entstanden, sondern ein kleiner Mensch. Noch heute befällt mich das gleiche erschauernde Gefühl, wenn es mir gelingt, ein kleines Menschlein aus Ton erstehen zu lassen. Tagelang versuchte ich damals, das Hundekotmenschlein nachzuformen. In späteren Jahren wurde manche Rinde, manches Stück Holz zu Liegenden, Sitzenden oder auch nur zu Schachfiguren.

Das Schulpult, wir saßen eingeklemmt zwischen Bank u. Pult, die fest miteinander verbunden waren, sah bald aus wie ein Acker, mit Bauern, Hühnern u. Vögeln, die ich hineingeschnitzt hatte. Hier half nur die Phantasie u. ein glücklicher Zufall, der mir einen sehr musischen Lehrer bescherte – lebte ich doch nur zwischen Kauern und steinernen Torbögen u. Straßen – die Figuren zu erfinden, zu schnitzen u. am Ende nicht einmal bestraft zu werden dafür, wie es mir später erging, als die Nazis ihn fortgeholt hatten.“Narrenhände beschmutzen Tisch und Wände“ mußte ich dann viele Male schreiben. Mit dem Fortgang dieses Lehrers, mit dem ich glückliche Geigenstunden erlebte, begrub. ich damals meinen brennenden Wunsch, Musiker zu werden.

Nun begann eine recht traurige Zeit. Zackige Lehrer, Rohrstock u. Strafarbeiten verdunkelten von nun an den Rest meiner Schulzeit. meine Pultschnitzereien brachten mir eine 4 im Zeichnen ein. Ich träumte vor mich hin, zeichnete wann ich konnte für mich allein, und wenn ich etwas Papier vom Großvater bekam.

Ein Schatten war auf mein Leben gefallen. Ich erlebte die folgende Zeit mehr im Traum, der mich beschützte. Ich träumte davon, gegen alle Widerstände einmal ein großer Künstler zu werden, zu dem die, die mich quälten, aufblicken mussten.

Heller waren nur die Abende, in denen ich damals schon als 10jähriger zum Zeichnen in die Kunstschule gehen durfte.

Damals zeichnete ich den ganzen Requisitenraum leer. Ein Gerippe ebenso wie eine ausgestopfte deutsche Dogge, ein lädiertes Kruzifix, eine sich mächtig blähende Eule und viel anderes Getier. Ich zeichnete schnell und konzentriert. Die erwies sich aber als Fehler, denn übrig blieben nun nur noch die in Gips nachgegossenen Köpfe, Reliefs und griechischen Figuren, und schließlich blieb auch ich weg und war wieder für mich allein. Allein, bis sich eine kleine Gruppe jüngerer Künstler für mich interessierte. Bei diesen erlebte ich eine Welt, mit dem der bei uns im Wohnzimmer hängende Druck der Toteninsel von Böcklin, ein damals höchst beliebtes Bild – man fühlte sich bei Freunden immer gleich zuhause, weil’s auch dort hing, in keiner Weise konkurrieren konnte.

Ein verwirrender Dachboden, zahllose Türen, überall Ateliers, große Fenster, aus denen sich ein Panorama der ganzen Stadt erblicken ließ und ein Sofa, auf dem ein karminroter Teppich ausgebreitet lag, ein später oft von mir gemaltes Motiv, versetzten mich in einen traumhaften Zustand. Bei diesem lustigen Völkchen erlebte ich zum ersten Mal, dass meine Bilder ernst genommen wurden. Sie nahmen mich, obwohl viel zu jung, ein Jahrzehnt trennte uns, in ihren Kreis auf. Dieses Glück dauerte nicht lange. Die vorgesehenen Stunden des Aktzeichnens, an denen ich teilnehmen sollte, gefielen meinem Vater gar nicht. Er sah mich wohl schon in großer Verkommenheit mit brotloser Kunst, wie er meinte, auf irgendeinem Dachboden verhungern. Auch stand dies seinen Plänen im Wege, aus mir einen Architekten zu machen. Also ließ er mich kurzerhand von einem renommierten Architekten prüfen, bei dem mir aber nichts besseres einfiel, als ihn und alle seine Mitarbeiter zu ihrem großen Entzücken zu portraitieren. Sie sahen schnell ein, dass in mir ein Maler verloren gegangen wäre und schenkten mir zum Abschied einen Ölmalkasten, der mich sehr glücklich, meinen Vater aber missmutig machte.

Während der Jahre meiner Kunstschulabendzeichnerei streunte ich heimlich, wenn der Professor sich für eine Weile in sein eigenes Atelier zurückgezogen hatte, durch die vielen Schülerateliers. Ich sehe noch deutlich die naturalistischen, glatten, glänzenden Bilder vor mir, deren Vorbilder die damals berühmten Künstler des Tausendjährigen Reiches waren. Hier hingen versammelt die kleinen Ziegler, die Padua, die Sepp Hilz. Die pflügenden Bauern im Abendrot, die Mütter am Herd, die Babys säugend, die Hitlerjungen und die liegenden und stehenden Akte mit strammen Schenkeln. Verwirrender und bedeutend interessanter die Bildhauer-Klassen. Nicht die großen, nach Thorak und Breker aussehenden, sondern die kleinen Figuren fesselten mich. Auf dem Boden, auf den Regalen lagen und standen Köpfe, Beine, Bäuche und einige rätselhafte Formen, die gar nichts zu bedeuten schienen. Hier hätte ich zeichnen mögen, aber das war verboten, und wir waren ja zum Gehorsam erzogen worden. Die folgende Zeit liegt für mich, was die Bildhauerei betrifft, ein wenig im Dunkeln. Für „Führer und Vaterland“, mir damals schon recht nebulöse Begriffe, opferte ich einen beträchtlichen Teil meiner Jugend.

Die nächste Figur, an die ich mich erinnern kann, entstand in einer Erdbaracke in Sibirien, wohin mich der „Vaterlandsdienst“ verschlagen hatte. Krank geworden, war ich für ein paar Tage tagsüber allein in diesem dunklen, unterirdischen Raum. Eine winzige Glühbirne erhellte notdürftig den kleinen Platz in einer Ecke, an dem ich mit Ton, den ich aus der Töpferei des Lagers gestohlenen hatte, eine etwa 2o cm. hohe Figur formte

Es gelang mir nicht mehr, alles zu verbergen, als der Kommandant vor mir stand, ein kleiner russischer General, der mit einer Kommission das Lager inspizierte. Bestrafung für den Ton- Diebstahl gewärtigend, Essenentzug und Strafarbeit, vielleicht Karzer, war ich überaus betroffen. Doch statt mich zu bestrafen, staunte dieser Herr, klatschte in die Hände und rief: “ ein kleiner Mensch, ein kleiner Mensch!“ Kommission und Inspektion waren vergessen. Hier sah ein Mensch einen eben geborenen Menschen, einen kleinen. „Aber“, sagte er, „das ist kein Arbeiter. Ein Arbeiter ist ein Arbeiter und muss aussehen wie ein Arbeiter. Dein Arbeiter ist ein Arbeiter mit dem Kopf eines Intellektuellen. „Auch wir waren Arbeiter geworden. Die Arbeit war hart, aber wir sahen nicht aus, wie der kleine General es verlangte. Mein Arbeiter hatte einen Spaten, aber der Kopf passte nicht zu ihm, er war wie wir.

Keine Strafe also, von nun an bereicherte ich die kleine Künstlerstube, ein winziges Atelier in einer Baracke “ über Tage „mit echtem Tageslicht. Ein Anstreicher, der liebliche Landschaften und hübsche Mädchen mit Blumen und riesige Stilleben mit großen Melonen malte, ein Dreher aus dem Erzgebirge, schnitzend seit seiner Jugend und ein alter Herr aus Österreich, der wohl nur versehentlich hierhergeraten war und niedliche Röschen aus Ton auf wohlgeformte Vasen modellierte, waren meine künftigen Kunstgenossen. Mag sein, daß ich nur am Leben blieb, weil dieser Zufall mir die harte Arbeit außerhalb des Lagers ersparte. Figuren entstanden, Vasen mit Ornamenten, die überaus beliebt waren bei den sich kindlich darüber freuenden, inzwischen Sieger gewordenen Bewachern. Eine große Anzahl Portraits und Bilder malten wir mit primitivsten Farben, meistens auf Holz, seltener auf knapper Leinwand. Meine Plastiken mussten einen in der Stadt lebenden russischen Bildhauer beeindruckt haben, denn es kam ein Auftrag, für das Museum dieser relativ großen Stadt ein paar Reliefs zu gestalten.

Die Begegnung mit diesem Bildhauer, einem ehemaliger Zehnkampfmeister im Sport, dem der unselige von uns ausgegangene Krieg ein Bein raubte, hatte eine besondere Bedeutung für mich. Sein Atelier stand in krassem Widerspruch zu unserem winzigen, in dem wir vier zusammenhockten. Ein riesiger Raum mit großen Fenstern, Figuren in großer Zahl auf Böcken manche noch mit Tüchern verhüllt, noch in Arbeit. überraschend aber seine Herzlichkeit. Kein Hass, keine Verachtung, hüpfte er auf seinen Krücken durch sein Atelier, dies Tuch lüftend, jene Figur drehend, mein Urteil erwartend. Hier fand ich, wenn auch nur für die kurze Zeit unserer Zusammenarbeit einen liebevollen, nur ein wenig älteren Lehrer, der mir ein großes Stück meines früheren Glaubens an die Kunst zurückgab. Ich lernte zu zerstören, was nicht ungewöhnlich ist. Belangloses verträgt die Kunst nicht, tötet sie und am Ende den Künstler.

Zu der Zeit gab es für uns im Tausendjährigen Reich erzogenen jungen, allzu jungen Menschen weder Impressionismus noch Expressionismus, keinen Dadaismus, Surrealismus oder andere Ismen. Abstrakt hatten wir nie gehört. Die Kunst dem Volke. Die Plattheit war Trumpf, wurde uns zur Kunst gemacht. Kunst war im Tempel , der Tempel stand in München, der “ Führer “ bestimmte, was Kunst war, auch er ein Anstreicher.

Dieser junge russische Bildhauer gab sein ganzes Gefühl, seine Liebe, machte sie durch die Plastik sichtbar. Mit primitivsten Mitteln lösten wir Probleme. Bronze gab es nicht. Aus Not wurde imitiert , was technisch war. Künstlerisch aber verlangte er das Äußerste, die ganze Existenz.

Die Reliefs hängen wohl heute noch in jenem Museum. Dieser Bildhauer und ein junger Graphiker- wie er im Museum beschäftigt, wollten mich nach Moskau schicken, zur Akademie. Ich wäre heute nicht hier.

Der Zufall brachte mich nach Deutschland zurück.

Ein verboten gemaltes Bild, vor dem unbemerkt eintretenden Lagerkommandanten eben noch verborgen, ließ mich erblassen. Der Schrecken machte mich weiß wie die Wand. Mein Glück. E

Der erste Schritt in Deutschland war wie eine Geburt, eine zweite Geburt. Der erste Schritt, ohne um Erlaubnis fragen zu müssen. Das Studium der Malerei nahm mich gefangen. Skulpturen entstehen nur dann und wann. Gewaltig waren die Verführungen. Abstrakt, ungegenständlich war erlaubt, der Gegenstand, der sichtbare Mensch waren tot.

Ich liebte den Menschen, er war nicht tot, er war um keinen Preis tot. Der Krieg war vorbei. Es lebe der Mensch. Ich glaubte an die Vernunft, ich glaubte an die Liebe. Der erste Schritt war der wichtigste. Ich zog die Schuhe aus. Barfuß begriff ich die Erde, beging sie, tastete Sand, Stein, Gras. Wir nahmen den Kampf auf, den friedlichen Kampf für den Menschen ohne Gewalt. Der Mensch, der Gegenstand waren nicht zu vertreiben.

Viele Jahre später entsteht erneut Plastik. Ein Mensch, ein kleiner Mensch, jede Skulptur entsteht mit dem gleichen erregenden Vibrieren des Gefühls. Plastik erschließt Raum, den Malerei nicht erzeugen kann, nur Illusion. Beides ist faszinierend. Motive verschmelzen, Gestaltung nicht, ist autonom. Eine Entscheidung gab es für mich nicht, gibt es nicht. Eine Frage der Begabung. Kein Widerspruch, aber Erweiterung. Maler modellierten, Bildhauer malten. Seit Jahrhunderten. Berühmte auch in neuerer Zeit: Matisse, Picasso, Renoir, Marini.

Frühe Träume erfüllen sich, das Alter reduziert Erwartungen, vertieft die Selbstkritik. Freunde ersetzen ein Volk, das Kunst nicht braucht, sie nicht schätzt, als überflüssig empfindet. Kein Traum, keine Phantasie. Bescheidenheit ist Reichtum. Die Kunst ist absolut.

Das Aquarell

Der liebenswerte Lehrer seines berühmten Zeichner-Schülers Janssen bestimmt auch heute noch weitgehend die Arbeitsweise seiner Zöglinge beim Aquarellieren. Frisch hingetupft, übermuscheln galt als kleines Verbrechen. Vorzeichnung, gleich, ob mit Feder oder Tusche, kränkten ihn aufs Tiefste. Auch ich lernte einst zu einer Zeit, als die moderne Kunst mit allen zu Gebote stehenden Mitteln ausgerottet werden sollte, diese akademische Malweise, die so überzeugend auf uns wirkte und doch auf eklatante Weise jegliche künstlerische Freiheit auf ein Minimum beschränkte. Ob mit oder ohne diesen Akademismus Kunst entsteht, vermögen Zeitgenossen selten zu beurteilen, eine Wertung liegt mir fern und soll nicht die Aufgabe dieses kleinen Traktates sein. Ich habe so manchen vielversprechenden Kunstjünger gerade an dieser akademischen Malweise scheitern sehen. Auch der schon erwähnte Zeichner-Schüler von Alfred Mahlau ist nicht frei davon. Zwanglos und ohne Gegenwehr entsteht hierbei ein Virtuosentum, das faszinierend wirkt auf unsere Zeitgenossen der technischen Perfektionen. ﷯Ganz anders meine Reaktion auf die seinerzeit von meinem Lehrer von mir geforderte Unterwerfung. Ich lehnte mich auf, schluderte rasant, übermalte, wo mir die Farbe nicht reichte, mit Kreide oder Ölstiften und handelte mir so reichlich Ärger ein. Ich wurde trotzdem gelitten in der kleinen, staatlichen Kunstschule in der Albrecht Dürer-Straße, vielleicht gerade deshalb, weil ich zielstrebig scheiterte an den Aufgaben, die die anderen mit Bravour und zunehmender Virtuosität zur genüsslichen Zufriedenheit des Lehrers erfüllten. Wie sich dieser Knoten entwirrt hätte, weiß ich nicht, denn es war Krieg, und nun kam die Reihe an mich, der Kunst ade zu sagen und den Stahlhelm aufzusetzen. Heimgekehrt nach leidvollen Jahren, kannte meine Besessenheit keine Grenzen, nun aber erkannte ich, daß mein Weg nicht so falsch war, wie mir eingeredet wurde, gab es doch eine große Epoche in der englischen Malerei, die sich in einer unglaublich intensiven Wasserfarbenmalerei zu besonderer Größe entwickelte. Auch die uns bis dahin unbekannten großen Maler der Ecole de Beaux Art und besonders die deutschen Expressionisten, waren frei von jeglichem Akademismus. Nicht auszudenken, wenn mir diese großen Aquarellisten in jeiner keimfreien Zeit begegnet wären. Um zurückzukommen auf den Ausgangspunkt dieser Gedankenreihe, erscheint es mir zwangsläufig richtig, daß ein Zeichner anders aquarellieren muß als ein Maler. Prof.Alfred Mahlau, dieser großartige Lehrer, an dessen wöchentlichen Korrekturen ich, im Hintergrund bleibend, häufig teilnahm, urteilte und verurteilte mit Liebe und Härte gleichermaßen. Auf eine Liebenswürdigkeit folgte hammerschlagartig ein totaler Verriss. Wie anders mein eigener Lehrer Willem Grimm, der polternd direkt den Stier bei den Hörnern packte und den Schüler mit einem einzigen aber immer treffsicheren Schlag in den Boden rammte. Da das Aquarell in meiner Malklasse keine Rolle spielte und leichthin als unwesentlich abgetan wurde, war ich natürlich begierig, in anderen Klassen, was zu dieser Zeit von dem jeweils eigenen Lehrer mit unverhohlenem Missbehagen gesehen wurde, mehr zu erfahren. Ich wurde allerdings recht enttäuscht bei meiner Suche und verließ mich dann ganz auf mich selbst. Ich sah Mahlau an der Elbe sitzend, fast ängstlich vor seinem Block, vor dem so schönen, reinen Papier. Mit Liebe und Sensibilität zeichnete er mit der Feder die Landschaft, die ihn so begeisterte. Die danach hineingetupften Farben entsprachen der Zartheit seines Gemüts. Diese leichten, fast wie lasiert wirkenden Zeichnungen spiegeln sich heute noch in manchem seiner damaligen Schüler, so daß man wohl mit Recht sagen kann, daß er im kleinen Rahmen eine Schule begründet hat in dieser ersten Nachkriegszeit, die heute noch fortwirkt. Meine eigenen Aquarelle entwickelten sich nun in ganz anderer Weise. Voraussetzung dafür war die Suche nach einem Aquarellpapier, das eine vehemente, fast brutale Arbeitsweise auszuhalten imstande war. Das von den akademischen Aquarellisten bevorzugte saugende und mehr oder weniger oberflächenrauhe, wohl allen bekannte Papier, genügte diesen Anforderungen nicht. Heute benutze ich ein fast glattes, stärker geleimtes, das noch dann seine Reinheit durchschimmern läßt, wenn von Mahlau verpönte mehrere Schichten der Aquarellfarbe, übereinandergelegt, neue Farbräume erschließen. Auf diese Weise bewahre ich den Grundcharakter des Aquarells, die Transparenz der Farbe, setze sie aber in neue Spannungsverhältnisse durch zusätzliche Materialien. Der Zauber besonders der englischen Aquarellfarben von Windsor & Newton vertieft sich dadurch ungemein. Dem Auge wird die kleine Sensation eines Wechselspiels geboten, wie sie in der akademischen Malweise nicht vorkommt. Ich scheue mich nicht, kleine mit Graphit hineinkomponierte Inseln gegen grobe Farbakzente zu setzen oder mit einer umgedrehten Feder Linien in die feuchte Farbe zu ritzen. Leuchtende Farben wechseln mit zartesten und geben sich die Ehre, der Zeichenfeder und Tusche ihre Referenz zu erweisen. So angewandt, bietet das Aquarell Raum und Zeit zugleich. Räume aus der Spannung von der gedeckten zur transparent benutzten Farbe mischen sich mit der Linie oder einer zarten Graphit-Zeichnung. Vor allem aber kann sich die Arbeit an einem solchen Aquarell über Tage erstrecken, weil die Farbe bis zu einem gewissen Grad auch wieder abgewaschen werden kann. Eines aber ist nun in der einen und in der anderen Technik absolut unmöglich: Papier, das einmal auch nur die geringste Menge Farbe aufgenommen hat, wird nie wieder jungfräulich, und diese Brillanz läßt sich nun auch ganz und gar nicht durch etwa benutztes Deckweiß ersetzen. Hat sich dies Weiß irgendwo eingeschlichen, ist es müßig, von Aquarell zu sprechen, es ist keins mehr. Und nun ergibt sich so ganz nebenbei aber zwangsläufig die Frage, was da denn auf dem Papier zu sehen ist, die Frage nach dem Motiv oder dem, was die meisten Betrachter eines fertigen Werkes „Was ist das“ nennen. Sind es nun aufgereihte Schiffe auf grauem Wiesenwasser oder Bäume oder gar erotische Stücke, so mag man durchaus davon sprechen können, soweit das deutlich erkennbare Motiv allein schon das Kriterium für diese Arbeit ist. Arbeit, ja Arbeit steckt in jedem Falle darin. Aber die Arbeit allein macht noch kein Kunstwerk. Ein 10-jähriges Mädchen sagte, gefragt danach, was Kunst sei: „Kunst ist, was selten einer kann“. Hier liegt das Problem. Da pinseln hundert Maler den ganzen Tag rund um die Uhr, da sitzen Hausfrauen in jeder freien Minute vor ihrer Staffelei, oder Kunsterzieher versuchen, sich von ihrem sie ganz fordernden Erziehermetier zu lösen, um auch Kunst zu machen, und doch entsteht nur in seltenen Fällen dabei wirklich Kunst. Woher kommt das? Ein Aquarell, und das gilt gleichermaßen für jedes Bild, in welcher Technik es auch gemalt sein mag, erhält seine künstlerische Potenz nicht aus dem, was auf der Fläche zu sehen ist, sondern: wie das gemalt wurde. In abstrakten Werken ist das nun gar nicht mehr kontrollierbar, weil hier Inhalt und Form und Farbe identisch sind. Ganz anders in der gegenstandsbezogenen Malerei, nämlich in der Übersetzung ins Bildhafte. Oft werde ich in Ausstellungen gefragt, was das denn sei? Meine Antwort kann sich dann nur darin erschöpfen, daß ich sage: „Dies ist Malerei und nichts anderes“. Ein Stuhl ist dann kein Stuhl mehr sondern Malerei. Qanz besonders deutlich erkennbar ist das WIE in der Aquarellmalerei an der Handhabung des Weiß als Farbe, also als Bildelement, und zwar gleichermaßen in der Mahlau’schen wie in meiner Art. Es gehört eine gesteigerte Disziplin dazu, das Weiß an der richtigen Stelle so jungfräulich wie möglich stehen zu lassen, ja, stehen zu lassen, denn ein fehlendes Weiß ist nicht reparabel. Dieses Weiß benutze ich gern ab und zu, weil es, als Papier erscheinend, unglaubliche Transparenz entfaltet und auch den anderen Farben diese Transparenz vermittelt. Das Weiß kann sich unbeschadet über das ganze Aquarell erstrecken und so zum beherrschenden Bildelement avancieren. Dies ist aber nicht meine Art, wie ich überhaupt vermeide, in Wiederholungen zu verfallen, wenngleich durchaus zeitlich nacheinander folgende Aquarelle Ähnlichkeiten aufweisen können, weil Ideen eine gewisse Zeit der Reife durchlaufen und durchgespielt werden können. Haben sie sich aber erschöpft, erscheinen neue Formen und Farben, denn das Aquarell als Material ist schier unerschöpflich, benutze ich dazu einen Pinsel oder gar die Finger, einen Lappen oder sonst etwas. Die Farbe läßt sich stricheln, kann fließen, übereinandergelegt werden oder auch abgewaschen. Dieser Arbeitsvorgang macht einen unglaublichen Spaß im Wechsel von Mut und Mutlosigkeit. Das Bewusstsein der Macht über Material und Papier bedeutet für mich ein Stück Freiheit, die sich nicht erschöpfen kann, solange ich lebendig bleibe, und ich bleibe solange lebendig, wie ich vermag, diese Freiheit zu spüren und zu nutzen. Das Aquarell ist für mich eine Art der Erholung von der physisch sehr viel anstrengenderen Arbeit an großen Bildern. Und es ist gleichzeitig ein Experimentierfeld, dessen Ergebnisse sich darin spiegeln. So gesehen, sind diese beiden Medien sich gegenseitig befruchtende und unbedingt zueinander gehörende, durch das ganze Oeuvre laufende Ausdrucksweisen. Beide sind allein und unabhängig in meiner Arbeit nicht denkbar. Trotz anderer Grundvoraussetzungen, bedingt durch die Art der Farbe und der Malgründe, finden sich in beiden Techniken, dem Aquarell und der Ölmalerei, die selben Spuren künstlerischen Handelns. Wer die Ölbilder begreifen will, muß auch die Aquarelle sehen und umgekehrt.