Bronzeplastiken

plastik trommler 1

Tromm­ler 1983

Bron­ze­plas­tik höhe 35 cm

plastik ohrensessel

Ohren­ses­sel 1985

Bron­ze­plas­tik höhe 33 cm

plastik janssen

Horst Jans­sen 1995

Bron­ze­plas­tik höhe 45 cm

plastik fluesterer

Flüs­te­rer 2001

Bron­ze­plas­tik höhe 31 cm

plastik schachspieler

Schach­spiel 2001

Bron­ze­plas­tik höhe 26 cm

plastik juliette

Juli­et­te 2001

Bron­ze­plas­tik höhe 22 cm

fluesterer gross

Flüs­te­rer

Bron­ze­plas­tik höhe 180 cm

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Gedanken über einen Weg zur Plastik

Man spricht heu­te, wenn man an plas­ti­sche Kunst denkt, von Kon­struk­tio­nen Objek­ten, Assem­bla­gen oder Envi­ron­ments u. deu­tet damit die erwei­ter­ten Mög­lich­kei­ten an, mit denen Raum aus­ge­lo­tet wer­den soll. Ganz anders in der Zeit der berühm­ten 20er Jah­re.
Alle die­se Begrif­fe exis­tier­ten noch nicht, schon gar nicht in mei­nem vier­jäh­ri­gen Dasein. Ich fing schon früh an, mei­ne nähe­re Umge­bung durch Krit­ze­lei­en unsi­cher zu machen. Ein Objekt war die glän­zend schwarz­la­ckier­te u. mit gol­de­nen Orna­men­ten ver­zier­te Sin­ger- Näh­ma­schi­ne, die im elter­li­chen Wohn­zim­mer stand u. mich reiz­te, mit einer teu­ren Näh­na­del Figu­ren in den Lack zu rit­zen.

Oma fand auf ihr Platz — sie konn­te so schön sin­gen — und Opa, der sei­nen mäch­ti­gen Schnurr­bart näch­tens aus einem mir uner­find­li­chen Grun­de mit einer Bart­bin­de fest­mach­te, deren Bän­der um die Ohren gewi­ckelt wur­den. Sei­ne vie­len gekräu­sel­ten Haa­re füll­ten einen Teil der schwarz­glän­zen­den Flä­che. — Ver­ständ­li­cher­wei­se hat­ten die Eltern wenig Sinn für die­ses Kunst­werk, wo sowie­so nur Musik in unse­rem Haus ernst­ge­nom­men wur­de.

Auch die mor­gend­li­che Buchweizen­grütze, die mir ein Greu­el war, und die wir, mei­ne wenig älte­re Schwes­ter u. ich auf einem hohen Sofa ‚behängt mit Spit­zen feins­ter Art, sit­zend, essen muß­ten, bekam ihren Reiz nur dadurch, daß sich mit dem dun­kel­brau­nen Sirup Figu­ren dar­auf träu­feln lie­ßen.

Vier Jah­re alt, bewohn­ten wir eine klei­ne Woh­nung in einem sehr alten Haus in einer sehr alten Stra­ße mit vie­len sol­chen alten Häu­sern mit­ten in einem sehr alten Stadt­teil Ham­burgs. Trep­pen wie Hüh­ner­stie­gen steil, führ­ten in die Zwei­zim­mer­woh­nung mit ent­setz­lich klei­ner Küche. Ein hoher Tor­weg führ­te in die Hin­ter­häu­ser, in denen alles noch viel klei­ner war u. noch bil­li­ger. Hier in die­sem Tor­weg, der gewöhn­lich unser Spiel­platz war, erfuhr ich so etwas wie eine Beru­fung zum Bild­hau­er.

Mei­ne Schwes­ter durf­te schon in das gro­ße Schul­haus gehen, wo ein rie­si­ger Ele­fant aus­ge­stopft im Trep­pen­haus stand. Trau­rig hock­te ich im Tor­weg. Ein Hund hock­te sich vor mich hin und mach­te sein Häuf­chen. Fas­zi­niert starr­te ich auf die­sen klei­nen Turm der da ker­zen­ge­ra­de ste­hen blieb. unten ein wenig gerin­gelt, glich die­ser Hau­fen einer Matro­ne mit gebläh­ten Röcken. Oben­drauf hat­te sich die Spit­ze ein wenig gerin­gelt, als wären Kopf u. Haa­re ent­stan­den. Mei­ne tota­le Hin­wen­dung zum gegen­ständ­li­chen schien voll­kom­men.

Abs­trak­te Gedan­ken kräu­sel­ten die Wel­len mei­nes kind­li­chen Bewusst­seins nicht, kein Objekt war hier ent­stan­den, son­dern ein klei­ner Mensch. Noch heu­te befällt mich das glei­che erschau­ern­de Gefühl, wenn es mir gelingt, ein klei­nes Mensch­lein aus Ton erste­hen zu las­sen. Tage­lang ver­such­te ich damals, das Hun­de­kot­mensch­lein nach­zu­for­men. In spä­te­ren Jah­ren wur­de man­che Rin­de, man­ches Stück Holz zu Lie­gen­den, Sit­zen­den oder auch nur zu Schach­fi­gu­ren.
Das Schul­pult, wir saßen ein­ge­klemmt zwi­schen Bank u. Pult, die fest mit­ein­an­der ver­bun­den waren, sah bald aus wie ein Acker, mit Bau­ern, Hüh­nern u. Vögeln, die ich hin­ein­ge­schnitzt hat­te. Hier half nur die Phan­ta­sie u. ein glück­li­cher Zufall, der mir einen sehr musi­schen Leh­rer bescher­te — leb­te ich doch nur zwi­schen Kau­ern und stei­ner­nen Tor­bö­gen u. Stra­ßen — die Figu­ren zu erfin­den, zu schnit­zen u. am Ende nicht ein­mal bestraft zu wer­den dafür, wie es mir spä­ter erging, als die Nazis ihn fort­ge­holt hatten.“Narrenhände beschmut­zen Tisch und Wän­de” muß­te ich dann vie­le Male schrei­ben. Mit dem Fort­gang die­ses Leh­rers, mit dem ich glück­li­che Gei­gen­stun­den erleb­te, begrub. ich damals mei­nen bren­nen­den Wunsch, Musi­ker zu wer­den.

Nun begann eine recht trau­ri­ge Zeit. Zacki­ge Leh­rer, Rohr­stock u. Straf­arbeiten ver­dun­kel­ten von nun an den Rest mei­ner Schul­zeit. mei­ne Pult­schnit­ze­rei­en brach­ten mir eine 4 im Zeich­nen ein. Ich träum­te vor mich hin, zeich­ne­te wann ich konn­te für mich allein, und wenn ich etwas Papier vom Groß­va­ter bekam.
Ein Schat­ten war auf mein Leben gefal­len. Ich erleb­te die fol­gen­de Zeit mehr im Traum, der mich beschütz­te. Ich träum­te davon, gegen alle Wider­stän­de ein­mal ein gro­ßer Künst­ler zu wer­den, zu dem die, die mich quäl­ten, auf­bli­cken muss­ten.
Hel­ler waren nur die Aben­de, in denen ich damals schon als 10jähriger zum Zeich­nen in die Kunst­schu­le gehen durf­te.

Damals zeich­ne­te ich den gan­zen Requi­si­ten­raum leer. Ein Gerip­pe eben­so wie eine aus­ge­stopf­te deut­sche Dog­ge, ein lädier­tes Kru­zi­fix, eine sich mäch­tig blä­hen­de Eule und viel ande­res Getier. Ich zeich­ne­te schnell und kon­zen­triert. Die erwies sich aber als Feh­ler, denn übrig blie­ben nun nur noch die in Gips nach­ge­gos­se­nen Köp­fe, Reli­efs und grie­chi­schen Figu­ren, und schließ­lich blieb auch ich weg und war wie­der für mich allein.

Allein, bis sich eine klei­ne Grup­pe jün­ge­rer Künst­ler für mich inter­es­sier­te. Bei die­sen erleb­te ich eine Welt, mit dem der bei uns im Wohn­zim­mer hän­gen­de Druck der Toten­in­sel von Böck­lin, ein damals höchst belieb­tes Bild — man fühl­te sich bei Freun­den immer gleich zuhau­se, weil’s auch dort hing, in kei­ner Wei­se kon­kur­rie­ren konn­te.

Ein ver­wir­ren­der Dach­bo­den, zahl­lo­se Türen, über­all Ate­liers, gro­ße Fens­ter, aus denen sich ein Pan­ora­ma der gan­zen Stadt erbli­cken ließ und ein Sofa, auf dem ein kar­min­ro­ter Tep­pich aus­ge­brei­tet lag, ein spä­ter oft von mir gemal­tes Motiv, ver­setz­ten mich in einen traum­haften Zustand. Bei die­sem lus­ti­gen Völk­chen erleb­te ich zum ers­ten Mal, dass mei­ne Bil­der ernst genom­men wur­den. Sie nah­men mich, obwohl viel zu jung, ein Jahr­zehnt trenn­te uns, in ihren Kreis auf.

Die­ses Glück dau­er­te nicht lan­ge. Die vor­ge­se­he­nen Stun­den des Akt­zeich­nens, an denen ich teil­neh­men soll­te, gefie­len mei­nem Vater gar nicht. Er sah mich wohl schon in gro­ßer Ver­kom­men­heit mit brot­lo­ser Kunst, wie er mein­te, auf irgend­ei­nem Dach­bo­den ver­hun­gern. Auch stand dies sei­nen Plä­nen im Wege, aus mir einen Archi­tek­ten zu machen. Also ließ er mich kur­zer­hand von einem renom­mier­ten Archi­tek­ten prü­fen, bei dem mir aber nichts bes­se­res ein­fiel, als ihn und alle sei­ne Mit­ar­bei­ter zu ihrem gro­ßen Ent­zü­cken zu por­trai­tie­ren. Sie sahen schnell ein, dass in mir ein Maler ver­lo­ren gegan­gen wäre und schenk­ten mir zum Abschied einen Ölmal­kas­ten, der mich sehr glück­lich, mei­nen Vater aber miss­mu­tig mach­te.

Wäh­rend der Jah­re mei­ner Kunst­schul­a­bend­zeich­ne­rei streun­te ich heim­lich, wenn der Pro­fes­sor sich für eine Wei­le in sein eige­nes Ate­lier zurück­ge­zo­gen hat­te, durch die vie­len Schü­ler­ate­liers. Ich sehe noch deut­lich die natu­ra­lis­ti­schen, glat­ten, glän­zen­den Bil­der vor mir, deren Vor­bil­der die damals berühm­ten Künst­ler des Tau­send­jäh­ri­gen Rei­ches waren. Hier hin­gen ver­sam­melt die klei­nen Zieg­ler, die Padua, die Sepp Hilz. Die pflü­gen­den Bau­ern im Abend­rot, die Müt­ter am Herd, die Babys säu­gend, die Hit­ler­jun­gen und die lie­gen­den und ste­hen­den Akte mit stram­men Schen­keln. Ver­wir­ren­der und bedeu­tend inter­es­san­ter die Bild­hau­er-Klas­sen.

Nicht die gro­ßen, nach Tho­rak und Bre­ker aus­se­hen­den, son­dern die klei­nen Figu­ren fes­sel­ten mich. Auf dem Boden, auf den Rega­len lagen und stan­den Köp­fe, Bei­ne, Bäu­che und eini­ge rät­sel­haf­te For­men, die gar nichts zu bedeu­ten schie­nen. Hier hät­te ich zeich­nen mögen, aber das war ver­bo­ten, und wir waren ja zum Gehor­sam erzo­gen wor­den. Die fol­gen­de Zeit liegt für mich, was die Bild­haue­rei betrifft, ein wenig im Dun­keln. Für “Füh­rer und Vater­land”, mir damals schon recht nebu­lö­se Begrif­fe, opfer­te ich einen beträcht­li­chen Teil mei­ner Jugend.

Die nächs­te Figur, an die ich mich erin­nern kann, ent­stand in einer Erd­ba­ra­cke in Sibi­ri­en, wohin mich der “Vater­lands­dienst” ver­schla­gen hat­te. Krank gewor­den, war ich für ein paar Tage tags­über allein in die­sem dunk­len, unter­ir­di­schen Raum. Eine win­zi­ge Glüh­bir­ne erhell­te not­dürf­tig den klei­nen Platz in einer Ecke, an dem ich mit Ton, den ich aus der Töp­fe­rei des Lagers gestoh­le­nen hat­te, eine etwa 2o cm. hohe Figur form­te

Es gelang mir nicht mehr, alles zu ver­ber­gen, als der Kom­man­dant vor mir stand, ein klei­ner rus­si­scher Gene­ral, der mit einer Kom­mis­si­on das Lager inspi­zier­te. Bestra­fung für den Ton- Dieb­stahl gewär­ti­gend, Essen­ent­zug und Straf­ar­beit, viel­leicht Kar­zer, war ich über­aus betrof­fen. Doch statt mich zu bestra­fen, staun­te die­ser Herr, klatsch­te in die Hän­de und rief: ” ein klei­ner Mensch, ein klei­ner Mensch!”

Kom­mis­si­on und Inspek­ti­on waren ver­ges­sen. Hier sah ein Mensch einen eben gebo­re­nen Men­schen, einen klei­nen. “Aber”, sag­te er, “das ist kein Arbei­ter. Ein Arbei­ter ist ein Arbei­ter und muss aus­se­hen wie ein Arbei­ter. Dein Arbei­ter ist ein Arbei­ter mit dem Kopf eines Intellek­tuellen. “Auch wir waren Arbei­ter gewor­den. Die Arbeit war hart, aber wir sahen nicht aus, wie der klei­ne Gene­ral es ver­lang­te. Mein Arbei­ter hat­te einen Spa­ten, aber der Kopf pass­te nicht zu ihm, er war wie wir.

Kei­ne Stra­fe also, von nun an berei­cher­te ich die klei­ne Künstler­stube, ein win­zi­ges Ate­lier in einer Bara­cke ” über Tage “mit ech­tem Tages­licht. Ein Anstrei­cher, der lieb­li­che Land­schaf­ten und hüb­sche Mäd­chen mit Blu­men und rie­si­ge Stil­le­ben mit gro­ßen Melo­nen mal­te, ein Dre­her aus dem Erz­ge­bir­ge, schnit­zend seit sei­ner Jugend und ein alter Herr aus Öster­reich, der wohl nur ver­se­hent­lich hier­her­ge­ra­ten war und nied­li­che Rös­chen aus Ton auf wohl­ge­form­te Vasen model­lier­te, waren mei­ne künf­ti­gen Kunst­ge­nos­sen.

Mag sein, daß ich nur am Leben blieb, weil die­ser Zufall mir die har­te Arbeit außer­halb des Lagers erspar­te. Figu­ren ent­stan­den, Vasen mit Orna­men­ten, die über­aus beliebt waren bei den sich kind­lich dar­über freu­en­den, inzwi­schen Sie­ger gewor­de­nen Bewa­chern. Eine gro­ße Anzahl Por­traits und Bil­der mal­ten wir mit pri­mi­tivs­ten Far­ben, meis­tens auf Holz, sel­te­ner auf knap­per Lein­wand. Mei­ne Plas­ti­ken muss­ten einen in der Stadt leben­den russi­schen Bild­hau­er beein­druckt haben, denn es kam ein Auf­trag, für das Muse­um die­ser rela­tiv gro­ßen Stadt ein paar Reli­efs zu gestal­ten.

Die Begeg­nung mit die­sem Bild­hau­er, einem ehe­ma­li­ger Zehn­kampf­meis­ter im Sport, dem der unse­li­ge von uns aus­ge­gan­ge­ne Krieg ein Bein raub­te, hat­te eine beson­de­re Bedeu­tung für mich. Sein Ate­lier stand in kras­sem Wider­spruch zu unse­rem win­zi­gen, in dem wir vier zusam­men­hock­ten. Ein rie­si­ger Raum mit gro­ßen Fens­tern, Figu­ren in gro­ßer Zahl auf Böcken man­che noch mit Tüchern ver­hüllt, noch in Arbeit. über­ra­schend aber sei­ne Herz­lich­keit. Kein Hass, kei­ne Ver­ach­tung, hüpf­te er auf sei­nen Krü­cken durch sein Ate­lier, dies Tuch lüf­tend, jene Figur dre­hend, mein Urteil erwar­tend.

Hier fand ich, wenn auch nur für die kur­ze Zeit unse­rer Zusam­men­ar­beit einen lie­be­vol­len, nur ein wenig älte­ren Leh­rer, der mir ein gro­ßes Stück mei­nes frü­he­ren Glau­bens an die Kunst zurück­gab. Ich lern­te zu zer­stö­ren, was nicht unge­wöhn­lich ist. Belang­lo­ses ver­trägt die Kunst nicht, tötet sie und am Ende den Künst­ler.

Zu der Zeit gab es für uns im Tau­send­jäh­ri­gen Reich erzo­ge­nen jun­gen, all­zu jun­gen Men­schen weder Impres­sio­nis­mus noch Expres­sio­nis­mus, kei­nen Dada­is­mus, Sur­rea­lis­mus oder ande­re Ismen. Abs­trakt hat­ten wir nie gehört. Die Kunst dem Vol­ke. Die Platt­heit war Trumpf, wur­de uns zur Kunst gemacht. Kunst war im Tem­pel , der Tem­pel stand in Mün­chen, der ” Füh­rer ” bestimm­te, was Kunst war, auch er ein Anstrei­cher.

Die­ser jun­ge rus­si­sche Bild­hau­er gab sein gan­zes Gefühl, sei­ne Lie­be, mach­te sie durch die Plas­tik sicht­bar. Mit pri­mi­tivs­ten Mit­teln lös­ten wir Pro­ble­me. Bron­ze gab es nicht. Aus Not wur­de imi­tiert , was tech­nisch war. Künst­le­risch aber ver­lang­te er das Äußers­te, die gan­ze Exis­tenz.
Die Reli­efs hän­gen wohl heu­te noch in jenem Muse­um. Die­ser Bild­hau­er und ein jun­ger Gra­phi­ker- wie er im Muse­um beschäf­tigt, woll­ten mich nach Mos­kau schi­cken, zur Aka­de­mie. Ich wäre heu­te nicht hier.
Der Zufall brach­te mich nach Deutsch­land zurück.
Ein ver­bo­ten gemal­tes Bild, vor dem unbe­merkt ein­tre­ten­den Lager­kom­man­dan­ten eben noch ver­bor­gen, ließ mich erblas­sen. Der Schre­cken mach­te mich weiß wie die Wand. Mein Glück. Er sag­te : “Du bist krank, Du kehrst zurück nach Deutsch­land “. Die­ser tat­säch­lich kunst­sin­ni­ge Mann lieb­te die Bil­der, die Skulp­tu­ren, die Vasen. Ein schwe­rer Ent­schluß, mich fort­zu­las­sen. Den­noch, er dach­te an mich . Ich bin ihm dank­bar.

Der ers­te Schritt in Deutsch­land war wie eine Geburt, eine zwei­te Geburt. Der ers­te Schritt, ohne um Erlaub­nis fra­gen zu müs­sen. Das Stu­di­um der Male­rei nahm mich gefan­gen. Skulp­tu­ren ent­ste­hen nur dann und wann. Gewal­tig waren die Ver­füh­run­gen. Abs­trakt, unge­gen­ständ­lich war erlaubt, der Gegen­stand, der sicht­ba­re Mensch waren tot.

Ich lieb­te den Men­schen, er war nicht tot, er war um kei­nen Preis tot. Der Krieg war vor­bei. Es lebe der Mensch. Ich glaub­te an die Ver­nunft, ich glaub­te an die Lie­be. Der ers­te Schritt war der wich­tigs­te. Ich zog die Schu­he aus. Bar­fuß begriff ich die Erde, beging sie, tas­te­te Sand, Stein, Gras. Wir nah­men den Kampf auf, den fried­li­chen Kampf für den Men­schen ohne Gewalt. Der Mensch, der Gegen­stand waren nicht zu ver­trei­ben.
Vie­le Jah­re spä­ter ent­steht erneut Plas­tik. Ein Mensch, ein klei­ner Mensch, jede Skulp­tur ent­steht mit dem glei­chen erre­gen­den Vibrie­ren des Gefühls. Plas­tik erschließt Raum, den Male­rei nicht erzeu­gen kann, nur Illu­si­on. Bei­des ist fas­zi­nie­rend. Moti­ve ver­schmel­zen, Gestal­tung nicht, ist auto­nom. Eine Ent­schei­dung gab es für mich nicht, gibt es nicht. Eine Fra­ge der Bega­bung. Kein Wider­spruch, aber Erwei­te­rung. Maler model­lier­ten, Bild­hau­er mal­ten. Seit Jahr­hun­der­ten. Berühm­te auch in neue­rer Zeit: Matis­se, Picas­so, Renoir, Mari­ni.
Frü­he Träu­me erfül­len sich, das Alter redu­ziert Erwar­tun­gen, ver­tieft die Selbst­kri­tik. Freun­de erset­zen ein Volk, das Kunst nicht braucht, sie nicht schätzt, als über­flüs­sig emp­fin­det. Kein Traum, kei­ne Phan­ta­sie. Beschei­den­heit ist Reich­tum. Die Kunst ist abso­lut.

Gedanken über einen Weg zur Plastik

Man spricht heu­te, wenn man an plas­ti­sche Kunst denkt, von Kon­struk­tio­nen Objek­ten, Assem­bla­gen oder Envi­ron­ments u. deu­tet damit die erwei­ter­ten Mög­lich­kei­ten an, mit denen Raum aus­ge­lo­tet wer­den soll. Ganz anders in der Zeit der berühm­ten 20er Jah­re.
Alle die­se Begrif­fe exis­tier­ten noch nicht, schon gar nicht in mei­nem vier­jäh­ri­gen Dasein. Ich fing schon früh an, mei­ne nähe­re Umge­bung durch Krit­ze­lei­en unsi­cher zu machen. Ein Objekt war die glän­zend schwarz­la­ckier­te u. mit gol­de­nen Orna­men­ten ver­zier­te Sin­ger- Näh­ma­schi­ne, die im elter­li­chen Wohn­zim­mer stand u. mich reiz­te, mit einer teu­ren Näh­na­del Figu­ren in den Lack zu rit­zen. Oma fand auf ihr Platz — sie konn­te so schön sin­gen — und Opa, der sei­nen mäch­ti­gen Schnurr­bart näch­tens aus einem mir uner­find­li­chen Grun­de mit einer Bart­bin­de fest­mach­te, deren Bän­der um die Ohren gewi­ckelt wur­den. Sei­ne vie­len gekräu­sel­ten Haa­re füll­ten einen Teil der schwarz­glän­zen­den Flä­che. — Ver­ständ­li­cher­wei­se hat­ten die Eltern wenig Sinn für die­ses Kunst­werk, wo sowie­so nur Musik in unse­rem Haus ernst­ge­nom­men wur­de. Auch die mor­gend­li­che Buchweizen­grütze, die mir ein Greu­el war, und die wir, mei­ne wenig älte­re Schwes­ter u. ich auf einem hohen Sofa ‚behängt mit Spit­zen feins­ter Art, sit­zend, essen muß­ten, bekam ihren Reiz nur dadurch, daß sich mit dem dun­kel­brau­nen Sirup Figu­ren dar­auf träu­feln lie­ßen.
Vier Jah­re alt, bewohn­ten wir eine klei­ne Woh­nung in einem sehr alten Haus in einer sehr alten Stra­ße mit vie­len sol­chen alten Häu­sern mit­ten in einem sehr alten Stadt­teil Ham­burgs. Trep­pen wie Hüh­ner­stie­gen steil, führ­ten in die Zwei­zim­mer­woh­nung mit ent­setz­lich klei­ner Küche. Ein hoher Tor­weg führ­te in die Hin­ter­häu­ser, in denen alles noch viel klei­ner war u. noch bil­li­ger. Hier in die­sem Tor­weg, der gewöhn­lich unser Spiel­platz war, erfuhr ich so etwas wie eine Beru­fung zum Bild­hau­er.
Mei­ne Schwes­ter durf­te schon in das gro­ße Schul­haus gehen, wo ein rie­si­ger Ele­fant aus­ge­stopft im Trep­pen­haus stand. Trau­rig hock­te ich im Tor­weg. Ein Hund hock­te sich vor mich hin und mach­te sein Häuf­chen. Fas­zi­niert starr­te ich auf die­sen klei­nen Turm der da ker­zen­ge­ra­de ste­hen blieb. unten ein wenig gerin­gelt, glich die­ser Hau­fen einer Matro­ne mit gebläh­ten Röcken. Oben­drauf hat­te sich die Spit­ze ein wenig gerin­gelt, als wären Kopf u. Haa­re ent­stan­den. Mei­ne tota­le Hin­wen­dung zum gegen­ständ­li­chen schien voll­kom­men. Abs­trak­te Gedan­ken kräu­sel­ten die Wel­len mei­nes kind­li­chen Bewusst­seins nicht, kein Objekt war hier ent­stan­den, son­dern ein klei­ner Mensch. Noch heu­te befällt mich das glei­che erschau­ern­de Gefühl, wenn es mir gelingt, ein klei­nes Mensch­lein aus Ton erste­hen zu las­sen. Tage­lang ver­such­te ich damals, das Hun­de­kot­mensch­lein nach­zu­for­men. In spä­te­ren Jah­ren wur­de man­che Rin­de, man­ches Stück Holz zu Lie­gen­den, Sit­zen­den oder auch nur zu Schach­fi­gu­ren.
Das Schul­pult, wir saßen ein­ge­klemmt zwi­schen Bank u. Pult, die fest mit­ein­an­der ver­bun­den waren, sah bald aus wie ein Acker, mit Bau­ern, Hüh­nern u. Vögeln, die ich hin­ein­ge­schnitzt hat­te. Hier half nur die Phan­ta­sie u. ein glück­li­cher Zufall, der mir einen sehr musi­schen Leh­rer bescher­te — leb­te ich doch nur zwi­schen Kau­ern und stei­ner­nen Tor­bö­gen u. Stra­ßen — die Figu­ren zu erfin­den, zu schnit­zen u. am Ende nicht ein­mal bestraft zu wer­den dafür, wie es mir spä­ter erging, als die Nazis ihn fort­ge­holt hatten.“Narrenhände beschmut­zen Tisch und Wän­de” muß­te ich dann vie­le Male schrei­ben. Mit dem Fort­gang die­ses Leh­rers, mit dem ich glück­li­che Gei­gen­stun­den erleb­te, begrub. ich damals mei­nen bren­nen­den Wunsch, Musi­ker zu wer­den.

Nun begann eine recht trau­ri­ge Zeit. Zacki­ge Leh­rer, Rohr­stock u. Straf­arbeiten ver­dun­kel­ten von nun an den Rest mei­ner Schul­zeit. mei­ne Pult­schnit­ze­rei­en brach­ten mir eine 4 im Zeich­nen ein. Ich träum­te vor mich hin, zeich­ne­te wann ich konn­te für mich allein, und wenn ich etwas Papier vom Groß­va­ter bekam.
Ein Schat­ten war auf mein Leben gefal­len. Ich erleb­te die fol­gen­de Zeit mehr im Traum, der mich beschütz­te. Ich träum­te davon, gegen alle Wider­stän­de ein­mal ein gro­ßer Künst­ler zu wer­den, zu dem die, die mich quäl­ten, auf­bli­cken muss­ten.
Hel­ler waren nur die Aben­de, in denen ich damals schon als 10jähriger zum Zeich­nen in die Kunst­schu­le gehen durf­te.

Damals zeich­ne­te ich den gan­zen Requi­si­ten­raum leer. Ein Gerip­pe eben­so wie eine aus­ge­stopf­te deut­sche Dog­ge, ein lädier­tes Kru­zi­fix, eine sich mäch­tig blä­hen­de Eule und viel ande­res Getier. Ich zeich­ne­te schnell und kon­zen­triert. Die erwies sich aber als Feh­ler, denn übrig blie­ben nun nur noch die in Gips nach­ge­gos­se­nen Köp­fe, Reli­efs und grie­chi­schen Figu­ren, und schließ­lich blieb auch ich weg und war wie­der für mich allein. Allein, bis sich eine klei­ne Grup­pe jün­ge­rer Künst­ler für mich inter­es­sier­te. Bei die­sen erleb­te ich eine Welt, mit dem der bei uns im Wohn­zim­mer hän­gen­de Druck der Toten­in­sel von Böck­lin, ein damals höchst belieb­tes Bild — man fühl­te sich bei Freun­den immer gleich zuhau­se, weil’s auch dort hing, in kei­ner Wei­se kon­kur­rie­ren konn­te.
Ein ver­wir­ren­der Dach­bo­den, zahl­lo­se Türen, über­all Ate­liers, gro­ße Fens­ter, aus denen sich ein Pan­ora­ma der gan­zen Stadt erbli­cken ließ und ein Sofa, auf dem ein kar­min­ro­ter Tep­pich aus­ge­brei­tet lag, ein spä­ter oft von mir gemal­tes Motiv, ver­setz­ten mich in einen traum­haften Zustand. Bei die­sem lus­ti­gen Völk­chen erleb­te ich zum ers­ten Mal, dass mei­ne Bil­der ernst genom­men wur­den. Sie nah­men mich, obwohl viel zu jung, ein Jahr­zehnt trenn­te uns, in ihren Kreis auf. Die­ses Glück dau­er­te nicht lan­ge. Die vor­ge­se­he­nen Stun­den des Akt­zeich­nens, an denen ich teil­neh­men soll­te, gefie­len mei­nem Vater gar nicht. Er sah mich wohl schon in gro­ßer Ver­kom­men­heit mit brot­lo­ser Kunst, wie er mein­te, auf irgend­ei­nem Dach­bo­den ver­hun­gern. Auch stand dies sei­nen Plä­nen im Wege, aus mir einen Archi­tek­ten zu machen. Also ließ er mich kur­zer­hand von einem renom­mier­ten Archi­tek­ten prü­fen, bei dem mir aber nichts bes­se­res ein­fiel, als ihn und alle sei­ne Mit­ar­bei­ter zu ihrem gro­ßen Ent­zü­cken zu por­trai­tie­ren. Sie sahen schnell ein, dass in mir ein Maler ver­lo­ren gegan­gen wäre und schenk­ten mir zum Abschied einen Ölmal­kas­ten, der mich sehr glück­lich, mei­nen Vater aber miss­mu­tig mach­te.
Wäh­rend der Jah­re mei­ner Kunst­schul­a­bend­zeich­ne­rei streun­te ich heim­lich, wenn der Pro­fes­sor sich für eine Wei­le in sein eige­nes Ate­lier zurück­ge­zo­gen hat­te, durch die vie­len Schü­ler­ate­liers. Ich sehe noch deut­lich die natu­ra­lis­ti­schen, glat­ten, glän­zen­den Bil­der vor mir, deren Vor­bil­der die damals berühm­ten Künst­ler des Tau­send­jäh­ri­gen Rei­ches waren. Hier hin­gen ver­sam­melt die klei­nen Zieg­ler, die Padua, die Sepp Hilz. Die pflü­gen­den Bau­ern im Abend­rot, die Müt­ter am Herd, die Babys säu­gend, die Hit­ler­jun­gen und die lie­gen­den und ste­hen­den Akte mit stram­men Schen­keln. Ver­wir­ren­der und bedeu­tend inter­es­san­ter die Bild­hau­er-Klas­sen. Nicht die gro­ßen, nach Tho­rak und Bre­ker aus­se­hen­den, son­dern die klei­nen Figu­ren fes­sel­ten mich. Auf dem Boden, auf den Rega­len lagen und stan­den Köp­fe, Bei­ne, Bäu­che und eini­ge rät­sel­haf­te For­men, die gar nichts zu bedeu­ten schie­nen. Hier hät­te ich zeich­nen mögen, aber das war ver­bo­ten, und wir waren ja zum Gehor­sam erzo­gen wor­den. Die fol­gen­de Zeit liegt für mich, was die Bild­haue­rei betrifft, ein wenig im Dun­keln. Für “Füh­rer und Vater­land”, mir damals schon recht nebu­lö­se Begrif­fe, opfer­te ich einen beträcht­li­chen Teil mei­ner Jugend.

Die nächs­te Figur, an die ich mich erin­nern kann, ent­stand in einer Erd­ba­ra­cke in Sibi­ri­en, wohin mich der “Vater­lands­dienst” ver­schla­gen hat­te. Krank gewor­den, war ich für ein paar Tage tags­über allein in die­sem dunk­len, unter­ir­di­schen Raum. Eine win­zi­ge Glüh­bir­ne erhell­te not­dürf­tig den klei­nen Platz in einer Ecke, an dem ich mit Ton, den ich aus der Töp­fe­rei des Lagers gestoh­le­nen hat­te, eine etwa 2o cm. hohe Figur form­te
Es gelang mir nicht mehr, alles zu ver­ber­gen, als der Kom­man­dant vor mir stand, ein klei­ner rus­si­scher Gene­ral, der mit einer Kom­mis­si­on das Lager inspi­zier­te. Bestra­fung für den Ton- Dieb­stahl gewär­ti­gend, Essen­ent­zug und Straf­ar­beit, viel­leicht Kar­zer, war ich über­aus betrof­fen. Doch statt mich zu bestra­fen, staun­te die­ser Herr, klatsch­te in die Hän­de und rief: ” ein klei­ner Mensch, ein klei­ner Mensch!” Kom­mis­si­on und Inspek­ti­on waren ver­ges­sen. Hier sah ein Mensch einen eben gebo­re­nen Men­schen, einen klei­nen. “Aber”, sag­te er, “das ist kein Arbei­ter. Ein Arbei­ter ist ein Arbei­ter und muss aus­se­hen wie ein Arbei­ter. Dein Arbei­ter ist ein Arbei­ter mit dem Kopf eines Intellek­tuellen. “Auch wir waren Arbei­ter gewor­den. Die Arbeit war hart, aber wir sahen nicht aus, wie der klei­ne Gene­ral es ver­lang­te. Mein Arbei­ter hat­te einen Spa­ten, aber der Kopf pass­te nicht zu ihm, er war wie wir.
Kei­ne Stra­fe also, von nun an berei­cher­te ich die klei­ne Künstler­stube, ein win­zi­ges Ate­lier in einer Bara­cke ” über Tage “mit ech­tem Tages­licht. Ein Anstrei­cher, der lieb­li­che Land­schaf­ten und hüb­sche Mäd­chen mit Blu­men und rie­si­ge Stil­le­ben mit gro­ßen Melo­nen mal­te, ein Dre­her aus dem Erz­ge­bir­ge, schnit­zend seit sei­ner Jugend und ein alter Herr aus Öster­reich, der wohl nur ver­se­hent­lich hier­her­ge­ra­ten war und nied­li­che Rös­chen aus Ton auf wohl­ge­form­te Vasen model­lier­te, waren mei­ne künf­ti­gen Kunst­ge­nos­sen. Mag sein, daß ich nur am Leben blieb, weil die­ser Zufall mir die har­te Arbeit außer­halb des Lagers erspar­te. Figu­ren ent­stan­den, Vasen mit Orna­men­ten, die über­aus beliebt waren bei den sich kind­lich dar­über freu­en­den, inzwi­schen Sie­ger gewor­de­nen Bewa­chern. Eine gro­ße Anzahl Por­traits und Bil­der mal­ten wir mit pri­mi­tivs­ten Far­ben, meis­tens auf Holz, sel­te­ner auf knap­per Lein­wand. Mei­ne Plas­ti­ken muss­ten einen in der Stadt leben­den russi­schen Bild­hau­er beein­druckt haben, denn es kam ein Auf­trag, für das Muse­um die­ser rela­tiv gro­ßen Stadt ein paar Reli­efs zu gestal­ten.
Die Begeg­nung mit die­sem Bild­hau­er, einem ehe­ma­li­ger Zehn­kampf­meis­ter im Sport, dem der unse­li­ge von uns aus­ge­gan­ge­ne Krieg ein Bein raub­te, hat­te eine beson­de­re Bedeu­tung für mich. Sein Ate­lier stand in kras­sem Wider­spruch zu unse­rem win­zi­gen, in dem wir vier zusam­men­hock­ten. Ein rie­si­ger Raum mit gro­ßen Fens­tern, Figu­ren in gro­ßer Zahl auf Böcken man­che noch mit Tüchern ver­hüllt, noch in Arbeit. über­ra­schend aber sei­ne Herz­lich­keit. Kein Hass, kei­ne Ver­ach­tung, hüpf­te er auf sei­nen Krü­cken durch sein Ate­lier, dies Tuch lüf­tend, jene Figur dre­hend, mein Urteil erwar­tend. Hier fand ich, wenn auch nur für die kur­ze Zeit unse­rer Zusam­men­ar­beit einen lie­be­vol­len, nur ein wenig älte­ren Leh­rer, der mir ein gro­ßes Stück mei­nes frü­he­ren Glau­bens an die Kunst zurück­gab. Ich lern­te zu zer­stö­ren, was nicht unge­wöhn­lich ist. Belang­lo­ses ver­trägt die Kunst nicht, tötet sie und am Ende den Künst­ler.
Zu der Zeit gab es für uns im Tau­send­jäh­ri­gen Reich erzo­ge­nen jun­gen, all­zu jun­gen Men­schen weder Impres­sio­nis­mus noch Expres­sio­nis­mus, kei­nen Dada­is­mus, Sur­rea­lis­mus oder ande­re Ismen. Abs­trakt hat­ten wir nie gehört. Die Kunst dem Vol­ke. Die Platt­heit war Trumpf, wur­de uns zur Kunst gemacht. Kunst war im Tem­pel , der Tem­pel stand in Mün­chen, der ” Füh­rer ” bestimm­te, was Kunst war, auch er ein Anstrei­cher.
Die­ser jun­ge rus­si­sche Bild­hau­er gab sein gan­zes Gefühl, sei­ne Lie­be, mach­te sie durch die Plas­tik sicht­bar. Mit pri­mi­tivs­ten Mit­teln lös­ten wir Pro­ble­me. Bron­ze gab es nicht. Aus Not wur­de imi­tiert , was tech­nisch war. Künst­le­risch aber ver­lang­te er das Äußers­te, die gan­ze Exis­tenz.
Die Reli­efs hän­gen wohl heu­te noch in jenem Muse­um. Die­ser Bild­hau­er und ein jun­ger Gra­phi­ker- wie er im Muse­um beschäf­tigt, woll­ten mich nach Mos­kau schi­cken, zur Aka­de­mie. Ich wäre heu­te nicht hier.
Der Zufall brach­te mich nach Deutsch­land zurück.
Ein ver­bo­ten gemal­tes Bild, vor dem unbe­merkt ein­tre­ten­den Lager­kom­man­dan­ten eben noch ver­bor­gen, ließ mich erblas­sen. Der Schre­cken mach­te mich weiß wie die Wand. Mein Glück. Fr sag­te : “Du bist krank, Du kehrst zurück nach Deutsch­land “. Die­ser tat­säch­lich kunst­sin­ni­ge Mann lieb­te die Bil­der, die Skulp­tu­ren, die Vasen. Ein schwe­rer Ent­schluß, mich fort­zu­las­sen. Den­noch, er dach­te an mich . Ich bin ihm dank­bar.

Der ers­te Schritt in Deutsch­land war wie eine Geburt, eine zwei­te Geburt. Der ers­te Schritt, ohne um Erlaub­nis fra­gen zu müs­sen. Das Stu­di­um der Male­rei nahm mich gefan­gen. Skulp­tu­ren ent­ste­hen nur dann und wann. Gewal­tig waren die Ver­füh­run­gen. Abs­trakt, unge­gen­ständ­lich war erlaubt, der Gegen­stand, der sicht­ba­re Mensch waren tot.

Ich lieb­te den Men­schen, er war nicht tot, er war um kei­nen Preis tot. Der Krieg war vor­bei. Es lebe der Mensch. Ich glaub­te an die Ver­nunft, ich glaub­te an die Lie­be. Der ers­te Schritt war der wich­tigs­te. Ich zog die Schu­he aus. Bar­fuß begriff ich die Erde, beging sie, tas­te­te Sand, Stein, Gras. Wir nah­men den Kampf auf, den fried­li­chen Kampf für den Men­schen ohne Gewalt. Der Mensch, der Gegen­stand waren nicht zu ver­trei­ben.
Vie­le Jah­re spä­ter ent­steht erneut Plas­tik. Ein Mensch, ein klei­ner Mensch, jede Skulp­tur ent­steht mit dem glei­chen erre­gen­den Vibrie­ren des Gefühls. Plas­tik erschließt Raum, den Male­rei nicht erzeu­gen kann, nur Illu­si­on. Bei­des ist fas­zi­nie­rend. Moti­ve ver­schmel­zen, Gestal­tung nicht, ist auto­nom. Eine Ent­schei­dung gab es für mich nicht, gibt es nicht. Eine Fra­ge der Bega­bung. Kein Wider­spruch, aber Erwei­te­rung. Maler model­lier­ten, Bild­hau­er mal­ten. Seit Jahr­hun­der­ten. Berühm­te auch in neue­rer Zeit: Matis­se, Picas­so, Renoir, Mari­ni.
Frü­he Träu­me erfül­len sich, das Alter redu­ziert Erwar­tun­gen, ver­tieft die Selbst­kri­tik. Freun­de erset­zen ein Volk, das Kunst nicht braucht, sie nicht schätzt, als über­flüs­sig emp­fin­det. Kein Traum, kei­ne Phan­ta­sie. Beschei­den­heit ist Reich­tum. Die Kunst ist abso­lut.